Eine kritische Bildungsreise in die Zone? Kurzes Resümee zur Kantine Zone. Analyse und Kritik der DDR
LukasAls wir uns dafür entschieden haben, das Kantine-Festival im Jahr 2024 der Analyse und Kritik der DDR zu widmen, gab es dafür eine Reihe von Gründen. Wir dachten, dass diejenigen, die an der Perspektive einer anderen Gesellschaftsform jenseits von Herrschaft und Ausbeutung festhalten, sich auch mit den gescheiterten Versuchen dieses Vorhabens in der Geschichte auseinandersetzen müssen und dass daraus etwas zu lernen ist. In der radikalen Linken beobachteten wir zudem eine zunehmende Orientierung an dem, was einmal »Realsozialismus« genannt wurde und in diesem Zuge auch vermehrt eine positive Bezugnahme auf die DDR. In einer eher liberalen Linken nahmen wir ebenfalls ein wachsendes Interesse an der Geschichte der DDR wahr. Es schlägt sich etwa in einer öffentlichkeitswirksamen Auseinandersetzung mit Biografien nieder, die von der DDR und der (Post-)Wendezeit geprägt sind, was sich gut in Diskurse über Diskriminierungs- oder »Armutserfahrungen« einfügt. Auch aktuelle Verschiebungen in der Parteienlandschaft in der BRD sahen wir mit einem spezifischen Blick auf die DDR-Geschichte verhandelt – sind doch die Wahlerfolge der AfD in den »neuen Bundesländern« besonders hoch und liegt ein Bezug dieser Statistiken auf »autoritäre Erfahrungen« in der DDR und Deklassierungsprozesse nach der Wiedervereinigung Deutschlands nahe. Wir wollten all dem einen eigenen Zugang entgegensetzen. Es sollte darum gehen, sich aus einer herrschaftskritischen Perspektive dem historischen Gegenstand der DDR wirklich zuzuwenden und jenseits von (auto-)biografischen Anekdoten oder identitätsstiftenden Erzählungen zu analysieren, wie die DDR politisch und ökonomisch funktionierte, warum sie spezifische Formen von Kultur und Kulturpolitik hervorbrachte und was all dies für den Alltag in der DDR bedeutete.(1) Diese Fragen konnten durch das Programm, das wir auf die Beine stellten, wenn überhaupt, nur bruchstückhaft beantwortet werden – aber die Diskussionen auf der Kantine sollten in diese Richtung gehen.
Das Bedürfnis, aus der Geschichte etwas lernen zu können, wurde gleich im Eröffnungsvortrag von Rüdiger Mats einer kritischen Befragung unterworfen. Er wies darauf hin, dass ein vermeintliches Resultat aus der Geschichte immer schon eingebettet ist in eine ganz andere Konstellation von gesellschaftlichen Umständen und Interessen in der Gegenwart. Es lässt sich aus der Geschichte nicht lernen, dass etwas (etwa eine strategische oder politische Entscheidung), das in einer spezifischen historischen Situation einmal funktioniert hat, in der Gegenwart auch wieder Erfolg haben muss. Anders herum müssen Entscheidungen, die in einer bestimmten historischen Situation zum Scheitern geführt haben, unter anderen Umständen nicht zwangsläufig genau so verkehrt sein. Die Bedingungsfaktoren sind zu komplex, als dass sich eine historische Erfahrung einfach so auf die Gegenwart übertragen ließe – es ist banal: Geschichte wiederholt sich nicht. In seinem Vortrag wollte Rüdiger Mats das Bewusstsein dafür schärfen, dass der Blick auf die Geschichte oftmals ein interessierter ist. Anhänger:innen des bolschewistischen Organisationsmodells blicken auf die Geschichte der Oktoberrevolution und der DDR, um die Erfolge dieses Organisationsmodells zu belegen. Antiautoritäre Linke – Anarchist:innen oder Rätekommunist:innen – blicken auf diese historischen Ereignisse, um nachzuweisen, dass dieses Modell verkehrt und zum Scheitern verurteilt ist. Doch die historischen Resultate sprechen an sich weder für das eine noch das andere – im Blick auf die Geschichte ist es schwer, auseinanderzuhalten, welche Faktoren den Geschichtsverlauf bestimmten: das Organisationsmodell oder die äußeren Umstände, die Fehler der Revolutionäre oder die Entscheidungen ihrer Gegner? Besteht das Ziel darin, aus der Geschichte allgemeine Lehrsätze abzuleiten, muss der Blick auf die realen historischen Umstände und Zeugnisse zwangsläufig all zu allgemein geraten. Das heißt nicht, dass eine Auseinandersetzung mit Geschichte sinnlos ist – Rüdiger Mats plädierte dafür, an der Geschichte zu lernen, was etwa bedeuten kann, den Blick für gesellschaftliche Konstellationen und die Bedingungen politischen Handelns zu schärfen, anstatt etwas aus der Geschichte ableiten zu wollen. Die Kategorie des Erfolgs allein ist jedoch kein Urteil über das Ziel, das historische Akteure einmal anstrebten. Was also war die DDR? Als Resultat aus der Kantine Zone würde für mich eine zusammenfassende Antwort in etwa so ausfallen: Während das Gesellschaftsmodell nach 1945 in der sowjetischen Besatzungszone zunächst auf einen Wiederaufbau ausgerichtet war und angesichts des Erbes des Nationalsozialismus ein demokratisch-antifaschistischer Staat sein sollte – was m.E. bescheidener und vielleicht auch angemessener war, als das, was dann folgte – wurde mit der Staatsgründung 1949 der Aufbau des Sozialismus deklariert. Das hieß vor allem die Übertragung des sowjetischen Modells auf das Gebiet der DDR und war nur noch insofern mit der Geschichte der Arbeiterbewegung verbunden, als dass diejenigen KPD-Mitglieder der Zwischenkriegszeit, die die stalinistischen Säuberungen mit betrieben und überlebt hatten, nun an der Spitze des Staates standen.
Die Gründung der DDR bedeutete die Einrichtung einer staatlichen Zentralverwaltung und die Durchsetzung einer zentralistischen Planung – also einer ökonomischen Kalkulation mit (zunächst Zwei-, bald Fünf-)Jahresplänen, deren Ziele staatlicherseits festgelegt wurden. Die Bevölkerung der DDR – die überwiegend aus Arbeiter:innen bestand – konnte bei der Formulierung dieser Pläne nicht mitreden und hatte weder politischen noch ökonomischen Zugriff auf das sogenannte »Volkseigentum«. Politisch nicht, weil es keine demokratischen Formen der Mitbestimmung gab (Wahlen waren nicht geheim, nicht genehmes Wahlverhalten konnte empfindliche Repressionen nach sich ziehen, Wahlergebnisse wurden immer wieder gefälscht) – ökonomisch nicht, weil es keine Formen von betrieblicher Mitbestimmung gab, die Produktionsziele nicht verhandelbar waren und die Produzent:innen von den Ergebnissen der gesellschaftlichen Produktion getrennt, also in ein Lohnverhältnis gestellt waren. (2) Volkseigentum war in diesem Sinne das Eigentum eines Staates, der von der Partei beherrscht wurde, die ihrerseits von einer Partei-Elite bestimmt wurde (das wahre Machtzentrum in der DDR war das Politbüro des ZK der SED). Die Arbeiter:innen waren dementsprechend Angestellte eines Staates, dem gegenüber sie keine Schutz- und Abwehrrechte hatten und von dem sie in allen Bereichen der gesellschaftlichen Organisation kontrolliert wurden. (3) Die Gründung der DDR ging einerseits einher mit einer Schleifung der Mitspracherechte von Betriebsräten in der Produktion, deren Etablierung vorher tatsächlich ansatzweise angegangen worden war, (4) und andererseits mit einem ungeheuren Widerspruch, den Andrea Jäger in ihrem Vortrag auf der Kantine über die DDR-Literaturpolitik hervorhob: (5) Dass die herrschenden Sozialisten auf der einen Seite davon ausgingen, die ökonomischen Mittel für eine erfolgreiche sozialistische Produktion bereits in der Hand zu haben, dass sie auf der anderen Seite der Bevölkerung mit einem – vielleicht berechtigten – Misstrauen begegnete, diese Mittel richtig zu bedienen. Das, was Sozialismus genannt wurde, ging nicht von den Interessen der unmittelbaren Produzent:innen aus und es war offensichtlich, dass die Lebensund Arbeitsverhältnisse in der DDR sie nicht für ein wie auch immer geartetes sozialistisches Projekt gewinnen konnten – wie sonst lässt sich erklären, dass die staatlichen Apparate den ständigen moralischen Bewusstseinsappellen an die Bevölkerung und an jeden Einzelnen eine so hohe Bedeutung zumaßen. Der Partei, die vermittels des Staates herrschte, ging es stets um die Frage, wie die Einzelnen dazu motiviert werden können, das umzusetzen, was sie, legitimiert durch eine vermeintlich wissenschaftlich erkannte Gesetzmäßigkeit, erdacht hatte. Der Inhalt dessen war nie das, was man vielleicht eigentlich als Sozialismus bezeichnen könnte: eine bedürfnisorientierte Ökonomie, in der die Produzent:innen über die Art und Weise, die Ziele und die Resultate der Produktion verfügen können. Die Bevölkerung wurde in der DDR als Volk angesprochen – und das heißt, dass sie einem Staat unterworfen und von ihm angewendet wurde, der in der Systemkonkurrenz seine ganz eigene Rechnung machte. In der staatlichen Propaganda wurde ein Menschenbild des selbstlosen Staatsbürgers entworfen, der stets bereit ist, viel zu arbeiten und dabei die Widersprüche des Planungssystem durch Eigeninitiative auszugleichen. (6) Dass diese Art von Mensch in der DDR nicht existierte, dass die Staats- und Parteiführer sich gleichzeitig von einer genau solchen Haltung abhängig sahen, erklärt, warum Überwachung und Repression für sie so wichtig waren und dass diese mit Hilfe von Geheimdienst und Massenorganisationen bis in den Alltag und in die Bereiche von Bewusstsein und Einstellung vordrangen. Jegliche Probleme, die in der DDR auftraten, wurden in diesem Modus als von außen kommend behandelt: als bewusstseinsmäßiger Einfluss der Agenten von Kapital oder Imperialismus (also: Faschismus). Lohnarbeiter:innen, die sich nicht in die erwartete Norm einfügten, wurden auf diese Weise zu objektiven Klassenfeinden. Unabhängig von historischen Entscheidungssituationen und der Frage des Scheiterns ist für mich klar, dass ein solches System niemals eine progressive Zielstellung sein kann. Als der Ostblock zusammenbrach und in der Folge auch die DDR abdankte, hatten auch die Bürger:innen der DDR gehörig die Schnauze voll davon, vom Staat moralisch-gesinnungsmäßig bevormundet zu werden. Dies bewahrte sie jedoch nicht davor, dem wieder eingeführten kapitalistischen System mit einer ganzen Reihe von Illusionen zu begegnen (7) – die Auswirkungen dessen bekamen sie bald in Form von Treuhand und Betriebsschließungen zu spüren. Sie durften die Freiheit als jene der doppelt freien Lohnarbeiter:innen kennen lernen: nichts zu besitzen als seine Arbeitskraft, die man allerdings nach der erfolgten Transformation sehr oft nicht verkaufen konnte. In den Genuss der Transferleistungen zu geraten war dann allerdings damit verbunden, sich als arbeitsscheuer Ossi behandeln lassen zu müssen, dem die bundesdeutsche Art des individuellen Zurechtkommens erst noch beigebracht werden muss, was auf jeden Fall hieß, dass ihm die Gewohnheit ausgetrieben werden musste, »über seinen Verhältnissen« zu leben. So war die eine Art, gegängelt zu werden, gegen eine andere getauscht.
Heute begegnen wir in weit verbreiteten rechtsextremen Einstellungsmustern auf dem ehemaligen Gebiet der DDR einer Gleichzeitigkeit von negativen und positiven Bezugnahmen auf das untergegangene System: Negativ wird auf die DDR Bezug genommen, indem man »die da oben« oder das Establishment, gegen das man sich im Aufstand wähnt, mit eben jenem Regime gleichsetzt, gegen das man schon ein mal auf die Straße gegangen ist – positiv, indem man die Erfahrung der Vergemeinschaftung in der DDR zum festen Bestandteil der eigenen Identität macht. Dominik Intelmann hat in seinem Vortrag auf der Kantine einen Vorschlag gemacht, wie eine solche widersprüchliche Gleichzeitigkeit möglicherweise zu verstehen ist: Als »geisterhaftes Nachleben des Volkseigentums«. Im Volkseigentum war nämlich eine Identität von Produzent:innen und Obrigkeit angerufen worden, in der ein Gleichheits-, Erlösungs-, und Erfolgsversprechen lag – »so wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben« – ohne dass damit reale Formen einer bewussten Vergesellschaftung verbunden waren. Während der utopische Überschuss, der mit der Titulierung als »sozialistisch« verbunden war, mit der Wiedervereinigung endgültig entsorgt wurde, blieb die Vorstellung einer heilsversprechenden Einheit bestehen, die man im Staat anruft und die nur durch äußere oder abweichende Faktoren gestört wird: Wessis, Ausländer und Sozialschmarotzer. Dass diese Einstellung zuweilen auf typisch ostdeutsche Weise gefärbt ist, aber als Ideologie doch allzu gut zu den gesamtdeutschen Verhältnissen zu passen scheint und von diesen erzeugt wird – das muss an anderer Stelle ausführlicher behandelt werden.
Der hier dargelegte Durchgang durch die Diskussionen, die in der Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Kantine Zone geführt wurden, ist das Ergebnis äußerster Verknappung – er soll anregen, die Vortragsmitschnitte nach zuhören, die wir in unserer Mediathek veröffentlicht haben.
Wer hingegen lieber lesen möchte: In der Vorbereitung der Kantine Zone haben wir das Büchlein »Geschichte der DDR« von Jörg Rösler (Papyrossa, 2012) gelesen. Wir fanden, dass darin ein guter Überblick über die Entwicklungsetappen und ökonomischen Debatten der DDR gegeben wird, allerdings oft zu verknappt und vielleicht mit einer Tendenz zur Ausblendung der politisch-repressiven Seite der DDR. Zur Vertiefung zu empfehlen sind zwei Sammelbände: »Was tun mit Kommunismus? Kapitalismus, ›Real existierender Sozialismus‹, Konkrete Utopien heute« von der Selbsthilfegruppe Ei des Kommunismus (SEK) (Unrast, 2013) und »Nie wieder Kommunismus? Zur linken Kritik am Stalinismus und Realsozialismus« von der Gruppe Inex (Unrast, 2012). Beide Sammelbände enthalten Beiträge von Autor:innen, die zum Teil auch auf der Kantine Zone gesprochen haben.
Ansonsten laden wir euch herzlich dazu ein, zumindest einen Teil der Diskussionen auf der nächsten Kantine fortzuführen.
Endnoten
(1) Unser Ankündigungstext für die Kantine Zone findet sich hier: https://kantine-festival.org/ aktuelles/2024-01-31-ank%C3%Bcndigung-kantine%C2%Bbzone%C2%AB-22-27-07-2024/
(2) Auf die Organisierung in den Betrieben ist Renate Hürtgen in ihrem Workshop ausführlich eingegangen, Teil 1: https://kantine-festival.org/mediathek/202412-31-das-ende-einer-autonomen-arbeiterbewegung-in-der-ddr-teil-1/ – Teil 2: https://kantine-festival. org/mediathek/2024-12-31-das-ende-der-autonomenarbeiter-innenbewegung-in-der-ddr-teil-2/
(3) Bernd Gehrke ging in seinem Vortrag auf die Frage ein, was das Volkseigentum war und sprach auch über die fehlenden Formen demokratischer Mitbestimmung: https://kantine-festival.org/ programm/2024-05-06-das-»kommandno-administrativnij-sistem«-zwischen-sowjetischem-vorbild-undkombinatsplanung-der-80iger-jahre/
(4) Zur Bewegung der antifaschistischen Betriebsräte auch in der sowjetischen Besatzungszone siehe: https://www.rosalux.de/publikation/id/41975/vonden-chancen-der-befreiung
(5) Der Vortrag von Andrea Jäger kann hier nachgehört werden: https://kantine-festival.org/mediathek/ 2025-04-15-staatlich
(6) Um nur einen der Widersprüche zu benennen: Die Ökonomie der DDR schwankte stets zwischen der Entscheidung, ob sie mehr in die Produktion von Konsumgütern investieren sollte, um den Konsumbedarf der Bevölkerung (besser) bedienen zu können oder mehr in die Produktion von Produktionsmitteln, um eine stabilere Grundlage für die gesamte Produktion zu schaffen, was zeitweilig aber auf Kosten des Konsumgütersektors gehen musste. Maßgabe waren dabei allerdings kaum die Bedürfnisse der Menschen selbst: Wenn es um Bedürfnisbefriedigung ging, dann als Instrument, um die Leute für den Laden bei der Stange zu halten – dementsprechend hatten sie bei solchen Grundsatzentscheidungen auch nichts zu melden.
(7) Dominik Intelmann hat einige dieser Illusionen in seinem Vortrag auf der Kantine treffend beschrieben: https://kantine-festival.org/mediathek/2025-04-25-dasgeisterhafte-nachleben-des-volkseigentums/