Gramsci als Kalenderspruch – Rezeptionslinien vom Zweiten Weltkrieg bis heute

Am 27. April 1937, am heutigen Tag vor 85 Jahren, starb der italienische Journalist und marxistische Politiker Antonio Gramsci. Er war bereits elf Jahre in politischer Haft, als ihm krankheitsgeschwächt und fast völlig isoliert von der Außenwelt vom faschistischen Führer, dem Duce, die Freilassung aus dem Gefängnis gewährt wurde. Das Krankenhaus, in das er bereits lange Zeit zuvor verlegt wurde, verließ er allerdings nicht mehr. Seine Freilassung war zynisch, da der einstige Führer der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) schon längst keine Gefahr mehr für seinen ehemaligen Parteigenossen und Renegaten Mussolini darstellte. »Ich bin«, schrieb er bereits 1932 aus dem Gefängnis an seine Schwägerin Tatjana Schucht, »an einen solchen Punkt gelangt, dass meine Widerstandskräfte kurz vor dem Zusammenbruch stehen, ich weiß nicht mit was für Konsequenzen.«

Gramsci hinterließ ein gewaltiges fragmentarisches Werk mit Gedanken und Notizen zur politischen Theorie, der Geschichte, Philosophie, Sprache und Kultur Italiens sowie Überlegungen zu Organisation und Adressaten einer revolutionären Theorie im Marxismus. Die insgesamt 32 Gefängnishefte waren nicht zur Veröffentlichung gedacht und nur erste Vorarbeiten Gramscis. Sie dokumentieren den Versuch einer Reflexion auf die Erfahrung einer gescheiterten proletarischen Revolution und der Machtergreifung des Faschismus in Italien und damit einer kritischen Betrachtung orthodox-marxistischer Theorie insgesamt. Er bezeichnete sie als »bloße Behauptungen«. Und fügte hinzu: »Manche von ihnen könnten bei den weiteren Untersuchungen aufgegeben werden, und womöglich könnte sich die entgegengesetzte Behauptung als die richtige erweisen.«


Neben der Form seines Werkes scheint eine weitere Ursache für die zwar immer wieder enthusiastische, aber doch in weiten Teilen selektive Rezeption seines Werkes eben dessen Vielschichtigkeit zu sein. Die stärkere Betonung der kulturellen und politischen Sphäre in der Gesellschaft gegenüber dem Ökonomischen eignete sich nicht für eine Rezeptionslinie in der DDR. Gramsci wurde zwar als KPI-Führer und Opfer des Faschismus, als Antifaschist, Respekt zuteil, aber seine Arbeiten stießen hingegen auf wenig Interesse. Selbst einige wenige Übersetzungen seiner Texte und Notizen ab den 1980er Jahren konnten die hegemoniale Theorie des »dialektischen Materialismus« (Diamat) nicht herausfordern.

Ein anderes Bild zeigte sich im Westen. Auf allen politischen Seiten schien Gramsci zur Neuausrichtung politischer Strategien und Analysen zu taugen. Ein extremes Beispiel sind die Arbeiten von Alain de Benoist, dem Vordenker der Nouvelle Droite in Frankreich, und dessen Adepten hierzulande, die darauf zielen, den »vorpolitischen Raum« von den »Links- und Neoliberalen« zurückzugewinnen (»Metapolitik«). Aber auch auf linker Seite pickt man sich oft die guten Sprüche zur Gestaltung des eigenen Kalenders aus dem Notizblock Gramscis heraus.

Bereits 1987, in einem Text zum 50. Todestag des Kommunisten, konstatierte Elmar Altvater, Gramscis Werk werde vor allem in der westdeutschen Linken immer nur »gefiltert« wahrgenommen und rezipiert. Beginnend in den 1960er Jahren mit der Herausgabe einer Anthologie (»Philosophie der Praxis«) markierte Christian Riechers Gramsci zwar als heterodoxen und revolutionären Philosophen, der den Voluntarismus im Marxismus betont, entwertete ihn aber implizit als Idealisten und Repräsentanten einer insgesamt gescheiterten italienischen Linken.

Später, mit der aufkommenden 68-Bewegung, kam es erstmals zu einem gewissen Gramsci-Enthusiasmus – verbunden mit Fragen der Organisation und Militanz. Gefiltert durch die realen Klassenkämpfe mit spontanen Streiks und Fabrikbesetzungen in Italien und Frankreich. Gerade Italien zeigt eine wichtige Parallele zu Deutschland, in der sich Gewalt als Mittel der politischen Durchsetzung in Selbstzweck verwandelte und damit desavouierte. Der italienische Operaismus jener Zeit war dezidiert anti-gramscianisch. Die deutsche Linke nahm Gramsci – wenn überhaupt – vor allem über den französischen Strukturalismus wahr, allen voran gefiltert durch Louis Althusser und dessen Überlegungen zu »ideologischen« und »repressiven Staatsapparaten«. Staatsapparate seien in der Funktion Ausdruck von Antagonismen im ökonomischen Unterbau. Doch war Gramsci nicht derjenige, der dem Überbau eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der Basis zubilligte?

Zu guter Letzt waren Teile der Gefängnishefte auch Vehikel allerhand reformorientierter Politik. Als sich Ende der 1970er Jahre viele Debatten zu Fragen der Hegemonie von Organisationen, Institutionen und den dazugehörigen Strategien entspannen, schien ein regelrechtes »Gramsci-Fieber« auszubrechen. Man versprach sich eine langfristige Perspektive auf »eurokommunistische« Reformen hin zum Sozialismus. Selbst die deutsche Sozialdemokratie versuchte sich Mitte der 1980er Jahre und mit dem Beginn einer sogenannten »Konservativen Wende« an einer Strategieänderung mit Bezugnahme auf Gramsci. Man schreckte nicht davor zurück, sich die Begriffe der Leute anzueignen, die man wenig zuvor noch mit Berufsverboten belegte.

Heute tauchen Begriffe wie »Subalterne« oder »Hegemonie« vor allem als Schlagworte einer nicht klar zu umreißenden Theorierichtung auf, die gern mit der Sammelbezeichnung »Cultural Studies« versehen wird, deren Entstehung in Großbritannien stark mit dem Namen Stuart Hall verbunden ist. Gramsci ist dort für die New Left schon länger ein Begriff und Hall hatte für das fragmentarische Werk auch ein gewisses Problembewusstsein: »I do not claim that, in any simple way, Gramsci ›has the answers‹ or ›holds the key‹ to our present troubles. I do believe that we must ›think‹ our problems in a Gramscian way – which is different.« Auch für die Postcolonial Studies hat Gramsci mit seinem non-eurocentric knowledge eine große Bedeutung.

Für alle hier genannten Rezeptionslinien gilt der gleiche Umstand: Weder auf Englisch noch auf Französisch gibt es eine Gesamtausgabe der Gefängnishefte. In Deutschland gibt es die ab Anfang der 1990er vom Argument-Verlag herausgegebene und vom Institut für kritische Theorie (Inkrit) erstellte und sorgfältig editierte »Kritische Gesamtausgabe« orientiert an der italienischen Ausgabe. Reichlich spät für eine lange »erfolgreiche« Rezeptionsgeschichte.

Für einen Kalenderspruch reicht‘s.

Gramsci Lesekreis

Da die Kantine erst im August stattfindet, haben wir einen Lesekreis gegründet, der sich bis dahin mit Gramscis theoretischen Beiträgen befassen soll!

Wir treffen uns einmal im Monat und widmen uns bestimmten Textausschnitten zu Gramsci. Die Texte und Termine werden gemeinsam am Ende jeder Sitzung ausgewählt.

In den ersten Besprechungen ging es um die Begriffe von Organischer Krise und Passiver Revolutionen bei Gramsci.

Im Folgenden erhalt Ihr die wichtigsten Informationen zum Lesekreis:

Wann: Das nächste Treffen findet am 13.04. um 18 Uhr statt. 

Wo: Online via Zoom

Anmeldung: Schreibt uns eine Nachricht bei Facebook: Kantine Festival, Instragram: Kantine »Gramsci« (@kantine_festival) oder per Kontaktformular

Genauere Infos zum Text, zum Ablauf unserer Treffen sowie den Zoom-Link erhaltet ihr via Privatnachricht.

Ankündigung der Kantine »Gramsci« vom 01. bis 07. August 2022

»Wir müssen für zwanzig Jahre verhindern, dass dieses Hirn funktioniert.«

Mit diesen Worten endete 1928 die Anklage des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci. 1891 auf Sardinien geboren, war Gramsci bis zu seiner Verhaftung einer der wichtigsten Vertreter der italienischen Arbeiterbewegung und intellektueller Widersacher des Faschismus unter Benito Mussolini. Dass Gramscis Hirn anders als von den Faschisten erhofft auch noch während seiner Haft „funktionierte“, davon zeugen die während dieser Zeit entstandenen Notizen, die bis heute als Gefängnishefte einen prominenten Platz in der marxistischen Theoriebildung einnehmen.

Jenseits von mechanistischen Ableitungen des gesellschaftlichen “Überbaus” aus der ökonomischen “Basis” entwickelt Gramsci in den Gefängnisheften eine Perspektive auf die Kultur, die Ideenwelt und das politische Leben einer Gesellschaft, die diese in ihren jeweiligen Eigenlogiken und ihren Rückwirkungen auf die kapitalistische Produktionsweise ernst nimmt. Möglich wird so eine präzise und detailreiche Analyse des Alltagslebens, des staatlichen Handelns, der kapitalistischen Krisen und ihrer Bewältigung sowie der verschiedenen Klassen und Interessengruppen in einer Gesellschaft.
Mit seinen Überlegungen zur Hegemonie, zur Erziehung und politischen Führung widmete sich Gramsci außerdem strategischen Fragestellungen und beeinflusst bis heute unterschiedliche linke Strömungen im Nachdenken darüber, wie Veränderung überhaupt möglich ist.

Veränderung war zeitlebens auch Ziel von Gramscis politischem Wirken. Als Student nach Turin gekommen, strebte Gramsci während der sogenannten „roten Jahre“ 1919/20 als Autor verschiedener Zeitungen und Mitglied der Partito Socialista Italiano (PSI) den Aufbau einer kommunistischen Massenbewegung an. Mit der Dritten Internationalen, die sich gegen Sozialdemokratie und Reformismus richtete, spaltete sich wie auch in anderen europäischen Ländern die italienische Linke. Gramsci gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Partito Comunista Italiano (PCI) nach sowjetischem Vorbild, deren Vorsitzender er 1924 werden sollte. 

In dieser Zeit, als die italienische Linke interne Kämpfe austrug, erstarkten die faschistischen Kräfte in Italien. Im Oktober 1922 wurde Benito Mussolini nach dem “Marsch auf Rom” zum Ministerpräsidenten ernannt. Gramsci setzte sich in der Folge mit den Fehlern des linken Lagers und der Schwäche des liberalen Staates auseinander. Im Kampf gegen den Faschismus sah Gramsci nun die dringlichste Aufgabe der Arbeiterklasse. Aufhalten konnte das Mussolini nicht, der spätestens ab 1925 totalitär herrschte. In Folge eines Attentat-Versuchs ein Jahr später ließ er die Oppositionsparteien verbieten und schränkte die Pressefreiheit ein. Mit anderen führenden Köpfen der Linken wurde Antonio Gramsci verhaftet. 1937 starb er an den gesundheitlichen Folgen der Haft.

Auf der Kantine wollen wir uns – 100 Jahre nach dem Marsch auf Rom – nicht nur mit dem zeitgeschichtlichen Kontext auseinandersetzen, in dem Gramsci gewirkt hat. Abseits von stichwortartigen Bezügen werden wir uns mit allen Interessierten eine Woche Zeit nehmen, um einen Zugang zu Gramscis Werk zu entwickeln. Wir werden auf dessen weit verzweigte Rezeptionsgeschichte blicken und wollen sein Denken auch als Werkzeug zum Verständnis der Gegenwart und der Möglichkeiten von emanzipatorischem Handeln heute diskutieren.

Achtung: Programmänderung heute

Heute gibt es einen Programmtausch: Die Lesung „Flexen“ von Mia Göhring & Sibylla Vričić Hausmann findet 11 Uhr statt, 14 Uhr hält dann Elfriede Müller den Vortrag „Die Neue Frau und das revolutionäre Selbst nach der Russischen Revolution“.

Ausfall

Der Vortrag von Nadja Bennewitz am Dienstag um 11 Uhr fällt leider krankheitsbedingt aus. Schade.

Das Geschlechterverhältnis in der anarchistischen Pädagogik am Beispiel von Louise Michel, Emma Goldman, Syndikalistischem Frauenbund und Mujeres Libres

Alexandra Opak

Dienstag, 24.08., 15:30 Uhr

Eine Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis in der anarchistischen Pädagogik von 1850 bis 1939 verdeutlicht die starke Verbindung des modernen Anarchismus zur Aufklärung. Obwohl ihre realpolitische Wirkung geringer ausfiel, transzendierten Anarchistinnen in ihrer Kritik des kontemporären bürgerlichen Feminismus dessen
theoretischen Horizont. Libertäre Pädagogik sahen sie dabei als nützliches Mittel, um Prozesse vergeschlechtlichter Sozialisation und Arbeitsteilung zu wandeln. Louise Michel, Emma Goldman, der Syndikalistische Frauenbund und die Mujeres Libres übten nicht nur Kritik am Androzentrismus ihrer Genossen und der patriarchalen Gesellschaft ihrer Zeit, sondern versuchten anarchistische Utopien einem gesamtgesellschaftlichen Umbruch vorweg zu nehmen.

Aus Perspektive der historischen Bildungsforschung wird die libertäre Pädagogik zunächst in Verhältnis zu verschiednen anarchistischen und reformpädagogischen Strömungen gesetzt, um anschließend die konkreten
Projekte und Themenschwerpunkte ausgewählter Akteurinnen vorzustellen.


Alexandra Opak ist Erziehungswissenchaftlerin aus Köln. Sie sucht Möglichkeiten politischer Bildung entgegen polarisierender Betroffenheitsethik und hofft sich in der Diskussion ihrer Vorträge einem Verständnis der philosophischen Theorien hinter grundlegenden Konflikten im Feminismus weiter anzunähern. Sie arbeitet aktuell zu
bildungsphilosophischen Perspektiven auf den deutschen Sonderweg, zum Antisemitismus in Feminismus und Intersektionalitätsforschung, sowie zur Verwechslung von sozio-kultureller Verortung und politischem Standpunkt
des Subjekts in identitätspolitischen Erkenntniskritiken.

Hygienekonzept für die Kantine »de Pizan« wegen SARS-COV-2

Liebe Teilnehmer*innen,

um das Infektionsrisiko zu minimieren und trotzdem eine angenehme Durchführung der Kantine zu ermöglichen, hat sich das Team auf einige Punkte bezüglich der Hygienemaßnahmen geeinigt.

Bitte beachtet bei Eurer Anwesenheit folgende Hinweise:

  • Zugang zum Gelände erfolgt anhand der 3G-Regelung: Geimpfte und Genesene erhalten mit Impf- oder Genesungsnachweis Zugang zum Festival. Ungeimpfte Personen müssen einen tagesaktuellen Antigen-Schnelltest vorweisen. Wir empfehlen dennoch allen Geimpften und Genesenen, sich, wenn möglich, vorher testen zu lassen. Testzentren in der Nähe findet ihr am Ende der Seite.
  • Bitte hinterlasst Eure Kontaktdaten am Einlass (z.B. via Corona-App, Luca-App). Damit kann im Falle eines Ausbruchs die Infektionskette nachverfolgt werden. Eure Daten werden sicher aufbewahrt und drei Wochen nach der Veranstaltung ordnungsgemäß vernichtet.
  • Innerhalb des Gebäudes ist das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes Pflicht. Bitte achtet auf einen Abstand von 1,50 m innerhalb des Gebäudes sowie auf dem Gelände. Im Freien ist ein Mund-Nasen-Schutz zu tragen, wenn der Abstand von 1,50 m nicht eingehalten werden kann.
  • Überall auf dem Gelände stehen Desinfektionsmittel bereit. Bitte nutzt diese regelmäßig, vor allem nach Nutzung der Sanitäranlagen und nach dem Essen.
  • Innerhalb des Gebäudes gilt ein Einbahnstraßensystem, das heißt, es gibt Hinweisschilder an den jeweiligen Ein- und Ausgängen. Bitte haltet Euch an die Richtungsanweisungen.
  • Bei Fragen stehen Euch jeden Tag Ansprechpersonen vor Ort zur Verfügung. Diese erkennt ihr an den T-Shirts mit dem Schriftzug „Kantine De Pizan“.
  • Solltet Ihr Symptome bei Euch feststellen, bitten wir Euch darum, Zuhause zu bleiben. Solltet ihr positiv auf Covid-19 getestet werden, informiert uns bitte umgehend (z.B. via E-Mail an kontakt@kantine-festival.org).

Vielen Dank. Wir wünschen Euch viel Spaß auf der Kantine »de Pizan«!

Eure Kantine Crew

Testzentren in der Nähe (Auswahl):

AnbieterAnschriftTestzeitenTermin-vergabe notwen-dig?Homepage
Team Feel Good BE.SAFE Test GmbH in der Galerie Roter TurmAm Neumarkt 2, 09111 ChemnitzMo – Sa 9.30 bis 16.30 Uhrneinwww.besafe-coronatest.de
easyApotheke Chemnitz-City Testcontainer vor der ApothekeStr. der Nationen 12, 09111 ChemnitzMo – Fr 8 bis 15 Uhr
Sa 9 bis 15 Uhr
nein
Corona-Ambulanz der Kassenärztlichen VereinigungHermann-Pöge-Straße 6, 09120 ChemnitzMo – Fr 15 bis 19 Uhr
Sa, So, FT 9 bis 13 Uhr
neinwww.kvs-sachsen.de
Modl Medical GmbH Teststelle JacobikirchplatzJakobikirchplatz, 09111 ChemnitzMo – Fr 9 bis 17 Uhr
Sa 9 bis 16 Uhr
So 11 bis 16 Uhr
neinhttps://www.sicher-offen.com/
Kwikktest. Corona TestZentrumSüdbahnstraße 14, 09111 ChemnitzMo – Fr 10 bis 18 Uhr
Sa 10 bis 14 Uhr
nein

Lesung: „Die Lage des Kindes in Rußland“

Ganzer Titel: „Die Lage des Kindes in Rußland“ Emma Goldman über einen fehlgeschlagenen Versuch & Infowand über Theorie und Praxis anarchistischer Pädagoginnen von 1850 bis 1939

Alexandra Opak

Freitag, 27.08., 14:00 Uhr

Eine Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis in der
anarchistischen Pädagogik von 1850 bis 1939 verdeutlicht die starke
Verbindung des modernen Anarchismus zur Aufklärung, welche im
postmodernen Anarchismus zunehmend schwindet. Obwohl ihre realpolitische
Wirkung geringer ausfiel, transzendierten Anarchistinnen in ihrer Kritik
des kontemporären bürgerlichen Feminismus dessen theoretischen Horizont.
Libertäre Pädagogik sahen sie dabei als nützliches Mittel, um Prozesse
vergeschlechtlichter Sozialisation und Arbeitsteilung zu wandeln. Louise
Michel, Emma Goldman, der Syndikalistische Frauenbund und die Mujeres
Libres übten nicht nur Kritik am Androzentrismus ihrer Genossen und der
patriarchalen Gesellschaft ihrer Zeit, sondern versuchten anarchistische
Utopien einem gesamtgesellschaftlichen Umbruch vorweg zu nehmen.

Während die libertäre Pädagogik im vormarxistischen Sozialismus des
frühen 19.Jahrhunderts verwurzelt ist, verdeutlicht Emma Goldmans
Bericht über die Lage des Kindes in der russischen Revolution deutliche
Unterschiede zwischen späteren anarchistischen und sozialistischen
Versuchen der pädagogischen Praxis. Eine der Differenzen zwischen
entfernt verwandter anarchistischer, sozialistischer und bürgerlicher
Reformpädagogik ist die Frage nach hierarchischer Organisation. Die
Lesung aus ‚Emma Goldman: Die Ursachen des Niederganges der russischen
Revolution. Berlin: Der Syndikalist (1922)‘ wird begleitet durch eine
Infowand über die Theorie und Praxis anarchistischer Pädagogik, welche
während des gesamten Festivals zugänglich ist.

Alexandra Opak ist Erziehungswissenchaftlerin aus Köln. Sie sucht
Möglichkeiten politischer Bildung entgegen polarisierender
Betroffenheitsethik und hofft sich in der Diskussion ihrer Vorträge
einem Verständnis der philosophischen Theorien hinter grundlegenden
Konflikten im Feminismus weiter anzunähern. Sie arbeitet aktuell zu
bildungsphilosophischen Perspektiven auf den deutschen Sonderweg, zum
Antisemitismus in Feminismus und Intersektionalitätsforschung, sowie zur
Verwechslung von sozio-kultureller Verortung und politischem Standpunkt
des Subjekts in identitätspolitischen Erkenntniskritiken.

Live-Hörspiel: … im musikalischen Dialog mit Thomas Brasch

Masha Qrella

Dienstag, 24.08., 21:00 Uhr

„Wer sind wir eigentlich noch?“, fragte der Schriftsteller Thomas Brasch, und Masha Qrella singt diese Zeilen. Sie und ihre Mitmusikerinnen machen Braschs Lyrik zu Songtexten. Im musikalischen Zwiegespräch folgen sie seinem Beispiel, sich mit der Welt und der eigenen Existenz in ihr auseinanderzusetzen. In Versatzstücken aus Interviews, Gedichten, Materialskizzen und Proberaum-Mitschnitten entsteht ein musikalisches Hörspiel, das von der Einsamkeit als politischem Moment erzählt und zugleich vom fortwährenden Versuch, sich Vereinnahmungen zu entziehen.

Einmal heißt es: „Die Arbeit ist auch ein Mittel geworden, im Zeitalter der Automatisierung seine Zeit zu verbringen. (…) Mich interessiert ein arbeitsloses Land, durch das zwei Frauen reisen.“

Das Hörspiel legt einen Arbeitsprozess offen, der versucht, „das Ungeheuerliche erst mal zu denken“ und den Raum zu schaffen, den Thomas Brasch als „Bleiben wo ich nie gewesen bin“ herbeigesehnt hat.