Editorial: Reclaim the Red Zur Kritik des älteren und neueren Marxismus-Leninismus
Kantine-CrewIhr haltet die zweite Auflage der vierten Kantine-Publikation in den Händen. Das Kantine-Festival ist ein selbstorganisiertes Veranstaltungsformat, das seit 2018 einmal im Jahr in Chemnitz stattfindet. In Vorträgen, Workshops, Lesungen, Filmvorführungen, Stadtrundgängen und kulturellen Beiträgen setzt sich die Kantine auf dem Gelände des Subbotnik (eine alte Schulkantine, die heute ein soziokultureller Veranstaltungsort ist) mit gesellschaftskritischen Inhalten auseinander – jedes Jahr mit einem neuen Fokus: Kantine Marx (2018), Kantine Luxemburg (2019), Kantine Benjamin (2020), Kantine De Pizan – Feministische Utopien (2021), Kantine Gramsci (2022), Kantine Sabot – Geschichte und Theorie des Anarchismus (2023), Kantine Zone – Analyse und Kritik der DDR (2024) und Kantine Arditi – Zu Faschismus und Antifaschismus (2025). Die Kantine ist für uns ein Ort der kritischen (Selbst-)Bildung, der einen Rahmen für leidenschaftliche Diskussionen bietet. Wir wollen hier Menschen treffen, die die herrschenden Verhältnisse genauso unerträglich finden wie wir, die nach Wegen einer grundlegenden Gesellschaftsveränderung suchen und sich von den miesen Umständen nicht blöd machen lassen wollen. Die Kantine ist für uns ein ernstes politisches Anliegen, soll aber auch einen Raum für allen möglichen Unsinn bieten, in dem wir manche Schnapsidee verwirklichen können.
Vom 23. bis 27. Juli 2024 haben wir uns unter dem Titel Kantine Zone mit der Analyse und Kritik der DDR beschäftigt. Uns ging es um eine Kritik der DDR, weil wir uns einer libertären Tradition des Sozialismus nahe fühlen und die historischen Modelle des Staatssozialismus verkehrt finden. Gleichzeitig sollten die Programmbeiträge einen Unterschied zur institutionalisierten Erinnerungspolitik machen: Der Untergang der DDR, die Wiedervereinigung und die Reetablierung des Kapitalismus wollen wir nicht als Ende der Geschichte anerkennen – eine umfassende menschliche Emanzipation steht noch aus, die Befreiung von Herrschaft und Ausbeutung bleibt ein notwendiges Ziel.
Als die Kantine Zone vorüber war, haben wir überlegt, ob wir die einzelnen Programmbeiträge in einer umfassenden Publikation dokumentieren wollen, wie wir es bei der Kantine Sabot getan haben. Letztlich haben wir uns dagegen entschieden – vor allem, weil bei vielen von uns auch neben der Kantine so viel los ist, dass die zeitlichen Ressourcen oft knapp sind. Aber es war uns trotzdem wichtig, etwas von den Diskussionen der Kantine Zone festzuhalten. Ein Anlass, sich kritisch mit der DDR zu beschäftigen, waren nicht zuletzt aktuelle politische Entwicklungen: Überall in der linken Bewegung wird in den letzten Jahren das Revival von »Roten Gruppen« diskutiert, die sich positiv auf die Modelle des »Realsozialismus« beziehen und die kanonischen Texte und Symbole des Marxismus-Leninismus wieder hochleben lassen. Nicht nur in ihren Kürzeln erinnern sie an die K-Gruppen der 70er Jahre in Westdeutschland: KO, KP, KA, KJ, KF, KI, FKO usw. Uns fiel jedoch auf, dass die Kritik an diesen »Roten Gruppen« oft nicht ausreichend inhaltlich ausgeführt wird, worin eine Schwäche der antiautoritären Linken zum Ausdruck kommt.
Da wir auf einem Workshop der Kantine Zone damit begonnen hatten, uns Aspekte dieser Kritik zu erarbeiten, haben wir uns entschieden, diese Kritik in einer Kantine-Publikation zu vertiefen.
Die »Thesen zur Kritik der Roten Gruppen«, die das Heft eröffnen, sind eine überarbeitete Version unseres Workshop-Inputs zum Thema auf der Kantine Zone. Wir kritisieren darin das Geschichtsverständnis des sogenannten »Historischen Materialismus«, die positive Bezugnahme auf die DDR bei manchen Roten Gruppen, das verkehrte Verständnis von Ideologie und Klassenbewusstsein, das sie vertreten, den sorglosen Umgang mit revolutionärer Gewalt, den wir bei ihnen sehen und die Vorstellung von nationaler Befreiung, die bei den Roten Gruppen immer wieder auch in Antisemitismus übergeht. Eine Kritik dieses letzteren Aspekts findet eine Vertiefung in den dann folgenden Thesen der Gruppe Kappa aus Leipzig. Diese Thesen sollten ursprünglich auch auf dem Kantine-Workshop diskutiert werden, was jedoch kurzfristig aus persönlichen Gründen nicht zustande kam – wir freuen uns, dass wir den geplanten Inhalt auf diese Weise »nachliefern« können. Kappa zeigt auf, wie instrumentell sich die Roten Gruppen auf soziale Bewegungen beziehen, indem sie aktuelle Ereignisse dem Schema ihrer Tradition des Marxismus-Leninismus unterordnen. Dieses Schema impliziert auch einen Antizionismus, der die realen Erfahrungen von Jüdinnen und Juden außen vor lassen muss.
Für weitere Beiträge haben wir Freund:innen angefragt, mit denen wir zum Teil in anderen Diskussionszusammenhängen verbunden sind. Die Gruppe Vogliamo Tutto kritisiert in ihrem Beitrag das Organisationsmodell der Parteienherrschaft, das im Marxismus-Leninismus entwickelt wird und das unter dem Begriff der »Diktatur des Proletariats« firmiert. Es geht Vogliamo Tutto darum, Erfordernisse und Schwierigkeiten eines revolutionären Übergangs ernst zu nehmen und dennoch aufzuzeigen, dass ein »Kommunismus von Oben« das verkehrte Mittel ist, um emanzipatorische Ziele zu erreichen. Julian Kuppe untersucht in seinem Text den politischen und ökonomischen Umsturz, den die Bolschewiki 1917 in Russland vollzogen und weist nach, dass dieser Umsturz gegen die Macht der Sowjets, gegen die Selbstverwaltungsbestrebungen der Arbeiterinnen und Arbeiter gerichtet war. Er argumentiert, dass der Stalinismus nicht erst mit dem Tode Lenins über die Sowjetunion hereinbrach, sondern in den politischen Konzeptionen der Bolschewiki angelegt war.
Den Abschluss macht schließlich Lukas aus der Kantine-Crew, der in einem Schnelldurchlauf Erkenntnisse aus der Kantine Zone zusammen fasst. Er versucht skizzenartig darzustellen, was die DDR gewesen ist, warum für sie Bewusstseinsfragen und Moral so wichtig waren und wie darin ein repressiver Zug angelegt ist. So kommt die Kantine Zone also doch noch zu einer publizistischen Würdigung.
Wir hätten gern einen Beitrag im Heft gehabt, der kritisch analysiert, wie sich die Roten Gruppen auf die Frauenbewegung und die queere Bewegung beziehen und was an ihrer Analyse des Geschlechterverhältnisses verkehrt ist. Aufgrund unseres eng gesteckten Zeitplans für die Publikation kam ein zunächst zugesagter Beitrag jedoch leider nicht zustande. Wir erachten die Auseinandersetzungen für gewinnbringend, die im Leipziger Bündnis für einen emanzipatorischen März (1) geführt werden, senden solidarische Grüße und hoffen, dass Beiträge in diese Richtung an anderer Stelle eine öffentlichkeitswirksame Publikation erfahren.
Die Beiträge in diesem Heft sind nicht einheitlich gegendert. Wir haben den Autor:innen unsere bevorzugte Weise des Genderns (:innen) vorgeschlagen, es ihnen jedoch freigestellt, wie sie es handhaben. Möge die Uneindeutigkeit zum Fall des generischen Maskulins beitragen!
Zu unserem Anliegen sei gesagt: Es geht uns nicht um eine einfache Abgrenzung oder um die Selbstvergewisserung einer anti-autoritären Szeneidentität. Wir halten auch nichts von billiger Polemik, die oftmals eigene Unsicherheiten kaschiert, und es bringt nichts, junge Leute verächtlich zu machen, die sich derzeit in Roten Gruppen politisieren. Es geht uns stattdessen um eine ernsthafte politische Auseinandersetzung, die klüger wird, wenn sie Differenzen mit ausgeführten Argumenten klar macht. Wenn dafür auch harte Kritik notwendig ist, dann um dem Ziel der Emanzipation näher zu kommen. Wir haben die Beiträge dieses Heftes in einer fünfköpfigen Redaktion diskutiert, ohne dass wir sagen können, dass wir uns in allen Punkten einig sind. Die Redaktion besteht zudem nur aus einem Teil des Kantine-Teams. Gemeinsam ist uns das Anliegen einer Diskussion, die hoffentlich durch dieses Heft weiter geführt wird.
Grüße vom Pingufin!
November 2025
(1) Siehe: https://keinemehrleipzig.noblogs.org/post/2024/03/04/fur-einen-emanzipatorischen-8-marz/