Kantine »Festival«

Zum Verhältnis von Utopie, Sozialwissenschaft und Politik


Tino Heim

In der Sprache parlamentarischer Politik fungiert der moderne Utopiebegriff seit dem 19. Jh. bevorzugt als negativ besetzter Kampfbegriff. Utopien werden als »irrational«, »naiv«, »weltfremd« und »illusorisch« eingeordnet und in einen Gegensatz zur vermeintlich rationalen »Realpolitik« aber auch zur »rationalen Wissenschaft« gestellt. Vor dem Hintergrund dieser problematischen Entgegensetzung geht der Beitrag davon aus, dass gerade in gesellschaftlichen Krisen und Transformationsperioden jede realistische Politik und jede kritische Sozialwissenschaft notwendig utopische Momente und Überschüsse voraussetzt. Denn erst wo die in gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen angelegten und zugleich blockierten Möglichkeiten anderer Formen gesellschaftlicher Beziehungsweisen konkret bestimmt werden, lassen sich auch Ziele, Entwicklungspfade und Ansatzpunkte für realistische politische Kämpfe diskutieren. Demgegenüber agiert eine sogenannte ›Realpolitik‹ der Verwaltung und Verteidigung des Status Quo, gerade weil sie Utopien systematisch ausschließt, gegenüber zugespitzten sozialen, ökonomischen und ökologischen Transformationszwängen notwendig irrational. Dies gilt auch und gerade für das Feld der kapitalistischen Geschlechterverhältnisse und der Geschlechterpolitiken. Denn in ihrer engen Verschränkung mit zentralen Modi der Trennung von produktiver und reproduktiver Arbeit, von Natur und Gesellschaft, von öffentlich und privat, von Rationalität und Emotionalität etc., bilden die vergeschlechtlichende Arbeitsteilung und die um eine klare heterosexuelle Geschlechterpolarität zentrierten Wissensordnungen ein Schlüsselmoment kapitalistischer Produktion-, Herrschafts- und Naturverhältnisse. Sie sind daher auch ein zentraler Einsatz in den Kämpfen um die Erhaltung, Veränderung oder Überwindung dieser Verhältnisse.

Tino Heim (Dr. phil.) ist Sozialwissenschaftler mit Arbeitsschwerpunkten in der Kritik der politischen Ökonomie, der kritischen Diskursanalyse, der Geschlechtersoziologie sowie der sozialen Bewegungs- und Transformationsforschung. Die Genese und der krisenhafte Wandel der Formen kapitalistischer Vergesellschaftung sowie die darum zentrierten Wissensordnungen und Kämpfe bilden das verbindende Element vielfältiger Forschungsinteressen. Aktuell arbeitet er im Rahmen des BMBF Verbundprojektes »Dinge und Sexualität. Produktion und Konsumtion im 20. und 21. Jahrhundert« am Institut für Soziologie der TU Dresden.