Vortrag: System Justification – eine sozialpsychologische Perspektive auf den Status Quo

Claas Pollmanns und Daniel Corlett

Mittwoch, 08.08.18, 11 Uhr

Was bringt Menschen dazu ungerechte Verhältnisse zu ertragen statt sich gegen sie aufzulehnen? Welche Rolle spielen Stereotype beim Erhalt des Status’ Quo? Warum tragen Menschen politische Inhalte mit, die für sie selbst von Nachteil sind? – Und wie wirkt eigentlich das Opium für das Volk? Diese und andere Fragen sollen im Vortrag und der anschließenden Diskussion durch die Linse der Sozialpsychologie erörtert werden. Als Grundlage dient die System Justification Theory von Jost & Banaji (1994), welche bisherige Erklärungsansätze zur Motivation menschlichen Handelns um die Dimension des Wunsches nach Systemerhalt ergänzt und erweitert.

Neben einer theoretischen Herleitung der System Justification Theory soll anhand von ausgewählten sozialpsychologischen Studien die praktische Relevanz der System Justification Theory erörtert werden. Dabei wird beschrieben, wie Menschen Denkmuster, Ideologien und Stereotype übernehmen, die weder ihrem eigenen noch dem Interesse ihrer sozialen Gruppe dienen, sondern durch den Wunsch des Erhalts des Status Quo motiviert sind. Es wird aufgezeigt, wie tief die Legitimation von ungerechten Verhältnissen in unserem Alltagsdenken verhaftet ist, um so die mentalen Stützpfeiler sozialer Hierarchien sichtbar zu machen. Der Vortrag soll Einblicke in die psychologischen Dynamiken hinter sozialer Ungleichheit geben und veranschaulichen, welchen Einfluss soziale Rollenzuweisung und Selbstverortung auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse ausübt.

Claas Pollmanns und Daniel Corlett arbeiten an der Juniorprofessur Sozialpsychologie der TU Chemnitz. Beide forschen unter anderem zu Ideologischen Einstellungen (Autoritarismus, Soziale Dominanzorientierung).

Daniel Corlett:
https://ww
w.tu-chemnitz.de/hsw/psychologie/professuren/sozpsy/corlett.php

Claas Pollmanns:
https://www.tu-chemnitz.de/hsw/psychologie/professuren/sozpsy/pollmanns.php

Vortrag: Zum Begriff des Regimes und dessen aktuellem Gebrauch in den Kultur- und Sozialwissenschaften. Thesen zu einem Entwurf einer materialistischen Regimeanalyse

Linus Karl Maria Klappenberger

Dienstag, den 07.08.18, 11 Uhr

Der Vortrag behandelt den Regimebegriff und stellt dabei eher ein Thesenpapier dar. Diskutiert werden soll vor allem, inwiefern eine materialistische Perspektive und eine entsprechende Ausrichtung von Regimeanalysen einen essentiellen Beitrag für an diesem orientierte Analysen leisten kann. Welche Aspekte können dabei besser beleuchtet werden und welche Lücken können evtl. sogar damit geschlossen werden?

Ausgangspunkt stellt vor allem die Verwendung des Begriffs innerhalb der kritischen Grenzregime-forschung dar und wie dieser innerhalb aktueller Forschungen im Zusammenhang von Grenzpolitiken und Migration eingesetzt wird. Mit dem Ansatz einer ethnographischen Grenzregimeanalyse wurde der Begriff nicht nur für eine ethnographische Analyse zugänglich gemacht, sondern zugleich auch entscheidend weiter entwickelt und interdisziplinär ausgearbeitet. Damit öffnet er sich der Begriff des Regimes tendenziell auch für weitere Forschungsfelder. Neben der zugleich positiv zu betrachtenden Tendenz, auch marginaliserte und subalterne Perspektiven einzunehmen und deren Bedeutung für aktuelle Grenzpolitiken zur Geltung zu bringen, lässt sich dennoch auch hier, so die These, ebenso wie in großen Teilen der (empirischen) Kultur- und Sozialwissenschaften, eine Überbetonung von Subjektivierungsprozessen beobachten. Dabei ist wichtig zu beachten, dass die Entwicklung des Regimebegriffs auch im Kontext veränderter Formen des Regierens und im Kontext eines neuen Machttypus zu begreifen ist. Damit ist der Begriff nicht nur ein Analyseinstrument, sondern beschreibt gleichzeitig auch gesellschaftliche Transformationsprozesse. Neue damit verbundene Subjektivierungsweisen weisen damit aber auch auf eine Transformation von Herrschaftsverhältnissen insgesamt hin, die nicht aus sich selbst heraus entstehen können und gerade deshalb einer historisch materialistischen Fundierung bedürfen.

Es sollen daher einige Thesen für eine solche materialistische Fundierung des Regimebegriffs vorgestellt werden, die nicht den Anspruch auf Vollständigkeit haben.Vielmehr sollen die im Laufe des Vortrags auftauchenden Fragen zu einer weiteren Diskussion des Begriffs beitragen. Im Vordergrund stehen also vor allem Anregungen für eine weitere Debatte.

Vortrag: Marx, 1968 und die Subjektkritik

Roger Behrens

Dienstag, 07.08.18, 19.00 Uhr

»Die Phantasie an die Macht!« – Diese Parole ist als eine der zentralen Losungen des Pariser Mai ’68 überliefert. Für achtundsechzig ist die Losung radikaler Einspruch gegen die (kapitalistische) Gesellschaft, die von einer zum Selbstzweck gewordenen, instrumentellen Vernunft beherrscht wird; es ist die Forderung, gegen das zum Leistungsprinzip verhärtete Realitätsprinzip das Lustprinzip zu setzen, die Erotik, die ästhetische Dimension: Das revolutionäre Subjekt war nun nicht allein durch seinen Klassencharakter innerhalb der Produktionsverhältnisse bestimmt, sondern durch eine – wie H. Marcuse es nannte – »Neue Sensibilität«, die schließlich eine »biologische Grundlage des Sozialismus« bilden könnte. Achtundsechzig schien insofern erstmals eine Revolution möglich zu sein, die nicht mehr (bloß) Verzweiflungstat war, sondern ein lustvoller Streit um das eigene, bessere, glückliche Leben: Seinem Selbstverständnis nach, war das revolutionäre Subjekt ein starkes Subjekt, das sich freud- und lustvoll von den zugerichteten, entfremdeten, verdinglichten, »kaputten« Individuen absetzte.

Der Bezug auf Marx war dabei ambivalent: Einerseits widersprach diese Praxis von 68 zumindest der marxistischen Theorie in weiten Teilen, andererseits konnte diese Praxis aber auch als konsequente Fortsetzung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie verstanden werden. Indes musste die marxistische Theorie (in ihrer Vielfalt wie in ihren vielfältigen Voraussetzungen und Weiterführungen seit den 1920er Jahren) wie auch die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie neu erschlossen bzw. »wiederentdeckt« werden von den »68ern«. Ohnehin mussten Marx und Marxismus wie die kritische Theorie überhaupt in Hinblick auf Sexismus, Rassismus, (Post-) Kolonialismus, Antisemitismus etc. aktualisiert werden; mit den 1970ern kam dann noch in unterschiedlichen Strängen die Umweltzerstörung bzw. Ökologie hinzu. Damit bekamen allerdings auch Subjektformen Konturen, die geeignet waren für die notwendigen Individualisierungsschübe in der fortgeschrittenen spätkapitalitischen Gesellschaft der siebziger und schließlich achtziger Jahre. Akademisch wurde das (nicht zuletzt durch tiefgreifende Veränderungen im Bildungswesen wie in der Kulturindustrie) von modernistischen wie postmodernistischen Theorien umklammert, wozu etwa funktionalistische Kommunikations- und Handlungstheorien ebenso zählen wie die unterschiedlichen »poststrukturalistischen« Theorien. Die Marxsche Theorie als radikale Gesellschaftskritik und wirkliche Bewegung wurde dabei mehr und mehr ins Abseits gedrängt.

Der Vortrag versucht eine Einführung in die unterschiedlichen Theorieentwicklungen um und nach 1968 zu geben und stellt Thesen zur Diskussion, warum (und unter welchen Bedingungen) eine kritische Theorie suspendiert wurde; die Frage aus gegebenem Anlass ist schließlich, ob eine Restitution der kritischen Theorie machbar ist – und warum überhaupt?

Autor und Dozent Roger Behrens lebt in Hamburg, weiteres zur Person:
https://web.hsu-hh.de/fak/geiso/fach/pae-bsp/dr-des-roger-behrens