Benjamin Opratko: Subalterne, Hegemonie, Rassismus

Donnerstag, 04.08, 18:00

In Antonio Gramscis Gefängnisheften tauchen »Subalterne« dort auf, wo es um ausgebeutete, unterdrückte oder beherrschte Gruppen geht. Lange galt der Begriff als Tarnwort für die Arbeiterklasse, es hieß, Gramsci hätte ihn taktisch eingesetzt, um die faschistischen Gefängniszensoren zu täuschen.

Tatsächlich sind Subalterne für Gramsci aber mehr und etwas anderes als die Klasse der Lohnabhängigen. Er setzt den Begriff bewusst ein, um einen Zustand der Unterwerfung und Unterordnung zu beschreiben, es geht ihm neben ökonomischen auch um politische, intellektuelle und das Alltagshandeln betreffende Dimensionen. Das macht ihn auch heute noch besonders anschlussfähig für kritische Analysen von Rassismus und Kolonialismus.

Im Vortrag werden die verschiedenen Bedeutungsdimensionen des Begriffs »Subalterne« bei Gramsci beleuchtet und ausgewählte Rezeptionsstränge, etwa in der Postkolonialen Theorie und den »Subaltern Studies«, diskutiert. Schließlich stelle ich Überlegungen zur Diskussion, wie eine an Gramsci anschließende, hegemonietheoretische Perspektive zum Verständnis gegenwärtiger rassistischer Verhältnisse beitragen kann.

Benjamin Opratko ist derzeit Gastprofessor für Internationale Politik an der Universität Wien und Redakteur der Monatszeitschrift Das Tagebuch.

Gundula Ludwig: Hegemonie, Geschlecht und Heteronormativität. Queer-feministische Herrschaftskritik mit Gramsci

Donnerstag, 04.08, 15:30

Warum der Kapitalismus trotz seiner inhärenten Krisenanfälligkeit sich als langlebiges Gesellschaftsprojekt behaupten kann, war eine der zentralen Fragen, die Antonio Gramsci in seinen Gefängnisheften beschäftigte. Mit seiner Hegemonie- und Staatstheorie gibt Gramsci darauf Antwort: Menschen werden dazu geführt, Herrschaftsverhältnissen zuzustimmen. Wie Gramscis Denken genutzt werden kann, um zu verstehen, wie Geschlechterverhältnisse und Heteronormativität durch Hegemonie gesichert werden, wird in dem Vortrag erläutert werden. Zudem wird gezeigt, wie aus queer-feministischer, Gramscianischer Perspektive Geschlecht und Heteronormativität mit der kapitalistischen Produktionsweise in Verbindung stehen und wie der integrale Staat in gesellschaftlichen Krisen Geschlecht und Heteronormativität als Ressourcen zur Krisenbewältigung einsetzt.

Gundula Ludwig ist Professor*in für Sozialwissenschaftliche Theorien der Geschlechterverhältnisse und Leiter*in der Forschungsplattform Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck an der Universität Innsbruck, und beschäftigt sich aus queer-feministischer Perspektive mit Staat, Kapitalismus und Hegemonie.

Mihael Švitek und Shannon Soundquist: Gramscideologospel

Donnerstag, 04.08, 13:30

Was die marxistische Klatschpresse gerne verschweigt: Antonio Gramscis erste große Liebe war die Sprachwissenschaft! Deswegen nimmt es nicht wunder, dass sich auch seine reiferenTexte durch eine besondere Sensibilität für linguistische Phänomene auszeichnen. Aber während in der englischsprachigen Forschung die Verwobenheiten von Gramscis Sprachtheorie mit seinen politischen Konzepten mittlerweile gut aufgearbeitet ist, wurde dieser für das Verständnis so entscheidende Aspekt hierzulande sträflich vernachlässigt. In dieser Lecture Performance spürt Mihael Švitek den dunklen Stellen der Gramsci-Rezeption nach und bietet eine gegenwärtige Lesart für seinen Begriff der Ideologie an. Shannon Soundquist spürt auf der Soundebene mit: Welche ideologischen Töne würde Gramsci z.B. in der Institution Tekno heraushören? Sieht er in der Kick den hegemonialen Tritt, der den Hedonist*innen die Fließbandarbeit ersetzt? Oder ist es eine Ohren- und Bauchmassage, die ideologisierte Denkmuster herausknetet?

Mihael Švitek (1988) hat in Stuttgart und Dresden die Fächer Linguistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft studiert. Seine Dissertation »Sprache und Ideologie« erscheint (hoffentlich) nächstes Jahr bei einem Verlag für schlaue Bücher. Er arbeitet als Dozent und Autor in Dresden.

Shannon Soundquist alias Antje Meichsner ist Sound Artist und Radiomacherin. Sie hat einen Abschluss in Kunstgeschichte, Psychologie und Kommunikationswissenschaft und studierte Medienkunst bei Carsten Nicolai / Alva Noto, derzeit bei Nevin Aladağ. Sie arbeitet konzeptuell mit Sound, Text, Grafik und Typografie. Ihre Live-Sets sind cineastisch, düster, noisig und nichttonal.

Gramsci als Kalenderspruch – Rezeptionslinien vom Zweiten Weltkrieg bis heute

Am 27. April 1937, am heutigen Tag vor 85 Jahren, starb der italienische Journalist und marxistische Politiker Antonio Gramsci. Er war bereits elf Jahre in politischer Haft, als ihm krankheitsgeschwächt und fast völlig isoliert von der Außenwelt vom faschistischen Führer, dem Duce, die Freilassung aus dem Gefängnis gewährt wurde. Das Krankenhaus, in das er bereits lange Zeit zuvor verlegt wurde, verließ er allerdings nicht mehr. Seine Freilassung war zynisch, da der einstige Führer der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) schon längst keine Gefahr mehr für seinen ehemaligen Parteigenossen und Renegaten Mussolini darstellte. »Ich bin«, schrieb er bereits 1932 aus dem Gefängnis an seine Schwägerin Tatjana Schucht, »an einen solchen Punkt gelangt, dass meine Widerstandskräfte kurz vor dem Zusammenbruch stehen, ich weiß nicht mit was für Konsequenzen.«

Gramsci hinterließ ein gewaltiges fragmentarisches Werk mit Gedanken und Notizen zur politischen Theorie, der Geschichte, Philosophie, Sprache und Kultur Italiens sowie Überlegungen zu Organisation und Adressaten einer revolutionären Theorie im Marxismus. Die insgesamt 32 Gefängnishefte waren nicht zur Veröffentlichung gedacht und nur erste Vorarbeiten Gramscis. Sie dokumentieren den Versuch einer Reflexion auf die Erfahrung einer gescheiterten proletarischen Revolution und der Machtergreifung des Faschismus in Italien und damit einer kritischen Betrachtung orthodox-marxistischer Theorie insgesamt. Er bezeichnete sie als »bloße Behauptungen«. Und fügte hinzu: »Manche von ihnen könnten bei den weiteren Untersuchungen aufgegeben werden, und womöglich könnte sich die entgegengesetzte Behauptung als die richtige erweisen.«


Neben der Form seines Werkes scheint eine weitere Ursache für die zwar immer wieder enthusiastische, aber doch in weiten Teilen selektive Rezeption seines Werkes eben dessen Vielschichtigkeit zu sein. Die stärkere Betonung der kulturellen und politischen Sphäre in der Gesellschaft gegenüber dem Ökonomischen eignete sich nicht für eine Rezeptionslinie in der DDR. Gramsci wurde zwar als KPI-Führer und Opfer des Faschismus, als Antifaschist, Respekt zuteil, aber seine Arbeiten stießen hingegen auf wenig Interesse. Selbst einige wenige Übersetzungen seiner Texte und Notizen ab den 1980er Jahren konnten die hegemoniale Theorie des »dialektischen Materialismus« (Diamat) nicht herausfordern.

Ein anderes Bild zeigte sich im Westen. Auf allen politischen Seiten schien Gramsci zur Neuausrichtung politischer Strategien und Analysen zu taugen. Ein extremes Beispiel sind die Arbeiten von Alain de Benoist, dem Vordenker der Nouvelle Droite in Frankreich, und dessen Adepten hierzulande, die darauf zielen, den »vorpolitischen Raum« von den »Links- und Neoliberalen« zurückzugewinnen (»Metapolitik«). Aber auch auf linker Seite pickt man sich oft die guten Sprüche zur Gestaltung des eigenen Kalenders aus dem Notizblock Gramscis heraus.

Bereits 1987, in einem Text zum 50. Todestag des Kommunisten, konstatierte Elmar Altvater, Gramscis Werk werde vor allem in der westdeutschen Linken immer nur »gefiltert« wahrgenommen und rezipiert. Beginnend in den 1960er Jahren mit der Herausgabe einer Anthologie (»Philosophie der Praxis«) markierte Christian Riechers Gramsci zwar als heterodoxen und revolutionären Philosophen, der den Voluntarismus im Marxismus betont, entwertete ihn aber implizit als Idealisten und Repräsentanten einer insgesamt gescheiterten italienischen Linken.

Später, mit der aufkommenden 68-Bewegung, kam es erstmals zu einem gewissen Gramsci-Enthusiasmus – verbunden mit Fragen der Organisation und Militanz. Gefiltert durch die realen Klassenkämpfe mit spontanen Streiks und Fabrikbesetzungen in Italien und Frankreich. Gerade Italien zeigt eine wichtige Parallele zu Deutschland, in der sich Gewalt als Mittel der politischen Durchsetzung in Selbstzweck verwandelte und damit desavouierte. Der italienische Operaismus jener Zeit war dezidiert anti-gramscianisch. Die deutsche Linke nahm Gramsci – wenn überhaupt – vor allem über den französischen Strukturalismus wahr, allen voran gefiltert durch Louis Althusser und dessen Überlegungen zu »ideologischen« und »repressiven Staatsapparaten«. Staatsapparate seien in der Funktion Ausdruck von Antagonismen im ökonomischen Unterbau. Doch war Gramsci nicht derjenige, der dem Überbau eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der Basis zubilligte?

Zu guter Letzt waren Teile der Gefängnishefte auch Vehikel allerhand reformorientierter Politik. Als sich Ende der 1970er Jahre viele Debatten zu Fragen der Hegemonie von Organisationen, Institutionen und den dazugehörigen Strategien entspannen, schien ein regelrechtes »Gramsci-Fieber« auszubrechen. Man versprach sich eine langfristige Perspektive auf »eurokommunistische« Reformen hin zum Sozialismus. Selbst die deutsche Sozialdemokratie versuchte sich Mitte der 1980er Jahre und mit dem Beginn einer sogenannten »Konservativen Wende« an einer Strategieänderung mit Bezugnahme auf Gramsci. Man schreckte nicht davor zurück, sich die Begriffe der Leute anzueignen, die man wenig zuvor noch mit Berufsverboten belegte.

Heute tauchen Begriffe wie »Subalterne« oder »Hegemonie« vor allem als Schlagworte einer nicht klar zu umreißenden Theorierichtung auf, die gern mit der Sammelbezeichnung »Cultural Studies« versehen wird, deren Entstehung in Großbritannien stark mit dem Namen Stuart Hall verbunden ist. Gramsci ist dort für die New Left schon länger ein Begriff und Hall hatte für das fragmentarische Werk auch ein gewisses Problembewusstsein: »I do not claim that, in any simple way, Gramsci ›has the answers‹ or ›holds the key‹ to our present troubles. I do believe that we must ›think‹ our problems in a Gramscian way – which is different.« Auch für die Postcolonial Studies hat Gramsci mit seinem non-eurocentric knowledge eine große Bedeutung.

Für alle hier genannten Rezeptionslinien gilt der gleiche Umstand: Weder auf Englisch noch auf Französisch gibt es eine Gesamtausgabe der Gefängnishefte. In Deutschland gibt es die ab Anfang der 1990er vom Argument-Verlag herausgegebene und vom Institut für kritische Theorie (Inkrit) erstellte und sorgfältig editierte »Kritische Gesamtausgabe« orientiert an der italienischen Ausgabe. Reichlich spät für eine lange »erfolgreiche« Rezeptionsgeschichte.

Für einen Kalenderspruch reicht‘s.

Gramsci Lesekreis

Da die Kantine erst im August stattfindet, haben wir einen Lesekreis gegründet, der sich bis dahin mit Gramscis theoretischen Beiträgen befassen soll!

Wir treffen uns einmal im Monat und widmen uns bestimmten Textausschnitten zu Gramsci. Die Texte und Termine werden gemeinsam am Ende jeder Sitzung ausgewählt.

In den ersten Besprechungen ging es um die Begriffe von Organischer Krise und Passiver Revolutionen bei Gramsci.

Im Folgenden erhalt Ihr die wichtigsten Informationen zum Lesekreis:

Wann: Das nächste Treffen findet am 13.04. um 18 Uhr statt. 

Wo: Online via Zoom

Anmeldung: Schreibt uns eine Nachricht bei Facebook: Kantine Festival, Instragram: Kantine »Gramsci« (@kantine_festival) oder per Kontaktformular

Genauere Infos zum Text, zum Ablauf unserer Treffen sowie den Zoom-Link erhaltet ihr via Privatnachricht.

Hans Röckle und Mister Flammfuss

Mike Melzer

Freitag, 10.08.18, 16:00 Uhr

Name und Gestalt des Hans Röckle wurden von Karl Marx erfunden, so berichtete seine Tochter Eleanor. Die Autoren Vilmos und Ilse Korn entdeckten bei den Recherchen zu ihrem Buch „Mohr und die Raben von London“ diese Figur und Teile eines Märchens. Sie schreiben in ihrem Nachwort: „In den alten Volksmärchen verkörpern die Wunder- und Zauberdinge nichts anderes als die Träume der Menschen vergangener Zeiten, Träume von einem helleren und gerechteren Leben. (…) Das Land Morgen und Übermorgen ist kein Wunderland im Sinne schwärmerischer Utopie. Es ist die vor uns liegende Zukunft, die wir mit jedem Schritt erobern und die unser Leben heller und schöner machen wird, aber nur erreichbar ist, wenn die Teufel für immer aus der Welt verschwinden. Mit Hans Röckle, der Gestalt aus Marxschem Geist, schlagen wir eine Brücke aus der sozialen Düsternis des neunzehnten Jahrhunderts, in der das Märchen angesiedelt wurde, in unsere Tage, die durch ihre kühnen Träume das Morgen mit dem Heute verbinden.“ Die Lesung möchte gern diesen Märchen-Schatz heben.

Workshop: Einführung in ‚Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie‘

Antonella Muzzupappa

Donnerstag, 09.08.18., 10-18 Uhr

Mit dem lauthals proklamierten «Ende der Geschichte» wurde nach dem Ende des real existierenden Sozialismus auch Karl Marx in der Mottenkiste verstaubter Theorien versenkt. Doch auch 150 Jahre nach dem Erscheinen des ersten Bandes des Kapital und 200 Jahre nach Marx‘ Geburt bleibt sein Hauptwerk die grundlegendste Analyse der Gesellschaft, in der wir heute immer noch leben. Eine Analyse, die zugleich Kritik ist: Kritik der klassischen Politischen Ökonomie, sowie der kapitalistischen Verhältnisse. Was ist eine Ware und was ist Geld? Wie funktioniert Ausbeutung? Warum gibt es keinen Kapitalismus ohne Kredit und ohne Krisen? Das sind nur einige Fragen, auf die wir im Kapital eine Antwort finden. Vor allem aber ist für Marx Kapitalismus eine historisch bestimmte Produktionsweise und keine natur- oder gottgegebene, wie so oft in anderen Erklärungsansätzen suggeriert wird. Und als solche ist sie überwindbar.

Musik: Kräuter der Provinz

Mittwoch, 08.08.18., 22.00

Datashock

Datashock sieht sich weniger als eine Band denn als ein Künstlerkollektiv mit wechselnden Mitgliedern, von denen es derzeit acht gibt. Gegründet hat sich diese Musikersozietät 2003 im beschaulichen Saarlouis. Die Musik von Datashock könnte man wohl am treffendsten als eine psychedelische Krautrock-Improvisationen bezeichnen. Wenn es so etwas gibt. Musikalisch haben sie bereits die Pyramiden besichtigt und die Wüste durchquert. Nun sind es also die „Kräuter der Provinz“. Themen gibt es halt überall, nur was draus wird das zählt letztendlich. Die Aufnehmen waren sicher spannend, denn es gibt gar nicht so viele Studios in denen man locker zu acht sitzen und arbeiten kann. Für Datashock ist das wichtig, denn alles entsteht im Augenblick. So kann man auch keinen verlässlichen Forecast zu Auftritten der Acht treffen, denn es gibt einfach zu viele Variablen. Die Musik auf „Kräuter der Provinz“ klingt auf jeden Fall spannend und macht Lust auf mehr.

Musik: Mit Ravepunk für die Ravolution!

Ravetology

Samstag, 11.08.18., 22 Uhr

Richie und Henri bringen uns via Gitarre und Laptop die Ravolution mit. Wie diese aussieht? Das ist schwer zu sagen, aber sie geht auf jeden Fall heftig schnell nach vorn. Typisch 90er-Jahre Ravesound verbinden die beiden mit lustigen bis subversiv depressiven, ins Mikro hineingeschriehenen Texten über alles, nichts und, wenn etwas genauer hingehört wird, Kommunismus. Wir freuen uns sehr auf das Gezappel!

Workshop: Einführung in das Kapital

Marvin Gasser und Franz Heilgendorff

Montag, 06.08.18, 17.30 Uhr

Die Geschichte der kapitalistischen Produktionsweise ist vergleichsweise kurz, aber dennoch sehr beachtlich: gewaltige Kriege, ungeheurer Wohlstand neben der bittersten Armut, Städte mit abermillionen Einwohnern, die drohende Vernichtung des globalen Ökosystems. Bereits 1848 formulierten Marx und Engels im „Manifest der kommunistischen Partei” diese Vision der kapitalistischen Epoche und behielten dabei weitestgehend recht: „Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neu gebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.”

Lasst uns daher gemeinsam versuchen genau dies tun – die gesellschaftlichen Beziehungen mit nüchternen Augen betrachten. Obwohl laut Marx und Engels die Menschen dazu gezwungen sind, ergibt sich hieraus kein Automatismus, denn getan wird dies in den aller seltensten Fällen. Auch dort wo eine kritische Untersuchung der gesellschaftlichen Beziehungen im Kapitalismus noch am ehesten zu leisten wäre, wie in den sozialen Bewegungen und ihren institutionellen Ausformungen, oder auch den sogenannten Gesellschaftswissenschaften, wird kaum Klarheit über die Verhältnisse hergestellt.

Daher möchten wir anhand einer multimedialen Einführung in das „Kapital” zeigen, wie eine kritische und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Gegenstand Kapitalismus aussehen kann. Dabei geht es nicht nur darum, „das ökonomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthüllen”, denn Marx war nicht nur ein Wissenschaftler, sondern vor allem auch ein umtriebiger Revolutionär. Mit der Einsicht in die innere Dynamik der kapitalistischen Produktionsweise, so Marx, wird auch der Schein zerstört als sei diese Gesellschaftsformation irgendwie ’natürlich‘. Vielmehr zeigt sich, dass der Kapitalismus nur eine bestimmte historische Produktionsweise ist, und eine ziemlich verrückte, gewaltvolle und zerstörerische obendrein. Somit kommt Marx auch am Ende von ersten Band des Kapitals zu dem Schluss: „Auf einem gewissen Höhegrad bringt sie [die kapitalistische Produktionsweise] die materiellen Mittel ihrer eignen Vernichtung zur Welt. Von diese Augenblick an regen sich Kräfte und Leidenschaften im Gesellschaftsschosse, welche sich von ihr gefesselt fühlen.” (MEW 23, S. 789)

Nun ist das freilich sehr optimistisch und Unbedacht in Bezug die Möglichkeit sich entwickelnder regressiver Leidenschaften und Kräfte, aber dass die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise noch auf sich warten lässt, ist offensichtlich. Im Angesicht der gegenwärtigen Krisen ist daher ein genaues Verständnis des Zusammenhangs der Grundlagen der gegenwärtigen ökonomischen Gesellschaftsformation so wichtig. Wir freuen uns auf euch!