Jonas Fischer: Klima, Wachstum, Interregnum

Freitag, 05.08, 15:30

Seit dem Nachkriegsboom sinken global die Wachstumsraten. Besonders deutlich ist dieser Trend in den früh-industrialisierten Ländern. Spätestens seit die Erholung nach der Finanzkrise 2007/08 ausblieb, ist der angeschlagene Zustand der Weltwirtschaft kaum mehr zu leugnen. Mit ähnlicher Rücksichtslosigkeit drängt sich der Klimawandel in das öffentliche Bewusstsein. Angesichts dieser doppelten Krise erleben wir gegenwärtig eine Öffnung des politischen Möglichkeitsraumes – mit Gramsci gesprochen: ein Interregnum.

Das Ziel des Vortrags wird es sein, in groben Zügen die derzeit konkurrierenden politischen Projekte nachzuzeichnen: Welche Strategien werden zur Wiederherstellung des Wachstums verfolgt? Wie wird der Klimawandel adressiert? Welche gesellschaftlichen Kräfte werden mobilisiert und welche Klassenkompromisse angestrebt?

Jonas Fischer studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Schwerpunkten zählen unter anderem Staats-, Regulations- und Hegemonietheorie. Derzeit schreibt er seine Masterarbeit zu Deindustrialisierung und Klimapolitik in Ostdeutschland.

Paul Lißner: Rechte Gramsci-Rezeption

Freitag, 05.08, 11.00

Im Workshop wollen wir uns auf eine genealogische Spurensuche zu den Anfängen der sogenannten Neuen Rechten begeben und gemeinsam überlegen, was davon noch aktuell sein könnte.

So absurd es auf den ersten Blick erscheinen mag, kann Antonio Gramsci als ein spiritus rector der Nouvelle Droite verstanden werden. Der als »Gramscianismus von rechts« bezeichnete strategische Ansatz, sich dessen staatstheoretische Analysen zu eigen zu machen, ist im Frankreich der 1970er entstanden und scheint mittlerweile wieder en vogue. Die Grundlagentexte der Kulturrevolution von rechts von Alain de Benoist wurden kürzlich im neo-faschistischen Dresdner Jungeuropa Verlag wieder herausgegeben. Daraus werden wir seinen Selbstverständigungstext Die alte und die neue Rechte gemeinsam auf die Funktionen der Aneignung von Gramscis Revolutionstheorie hin untersuchen und mit Blick auf deren Anwendung heute diskutieren.

Obwohl es in Deutschland nach einer kurzen Blüte in den 1980ern eine lange Zeit ruhig um die neurechten Querfrontansätze blieb, wurden im Zuge der wieder erstarkenden europäischen Rechten, besonders der Identitären Bewegung, strategische Grundlagen neu überdacht und popularisiert. Eine erneute Aneignung vor allem aktueller linker Theorie nach altem französischen Vorbild, versucht allen voran Benedikt Kaiser, der als Adept Alain de Benoists in Deutschland im Umfeld Götz Kubitscheks agiert. Erst jetzt wird scheinbar nachgeholt, was de Benoist schon vor knapp 50 Jahren mit Gramscis Hegemonietheorie im Hinterkopf forderte: Man müsse sich an den revolutionären Strategien der aufstrebenden Linken von damals orientieren, um selbst wieder gesellschaftspolitisch wirkmächtig zu werden. Inwieweit dies geglückt ist und wo mögliche Grenzen einer solchen strategischen Aneignung liegen können, soll im Workshop abschließend erörtert werden.

Paul Lißner ist studierter Kulturwissenschaftler und promoviert derzeit in Bereich Politischer Theorie an der Universität Leipzig.

Thomas Atzert: »Immer noch und immer wieder: Wir wollen alles.« Nanni Balestrini und die »Frage des Südens«

Donnerstag, 04.08, 21:00

Der italienische Autor Nanni Balestrini (1935–2019) ist vielen deutschsprachigen Leser*innen vor allem durch Übersetzungen seiner erzählenden Prosa bekannt. In den Büchern Wir wollen alles, Die Unsichtbaren oder Der Verleger, aber ebenso in Die Wütenden, in Sandokan und Carbonia oder auch in dem Poem Blackout richtet Balestrini den Blick auf die Sozialgeschichte insbesondere seit den 1960er Jahren in Italien und darüber hinaus, auf die Kämpfe der Arbeitenden und der sozialen Bewegungen gegen Ausbeutung und Unterdrückung, auf die Dynamiken der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse und Veränderungen, auf die staatliche Repression und ihre Auswirkungen, auf Hooligans, Camorra und Berlusconi. Ausgangsmaterial des literarischen Texts ist in vielen Fällen eine Art oral history, wobei die authentische und vielstimmige Alltagssprache der Protagonist*innen konzentriert und häufig mit anderem sprachlichen Material (Flugblättern, Zeitungsberichten, Untersuchungen, offiziellen Dokumenten) kontrastiert wird.

In dieser (halb-)dokumentarischen Re-Kombination berühren sich auf spannende Weise, und darin besteht die fortwährende Aktualität Balestrinis, politische und ästhetische Radikalität, Autonomie und Avantgarde.

Thomas Atzert ist Publizist und Übersetzer vor allem sozialwissenschaftlicher Essayistik, übersetzte u.a. Giorgio Agamben, Franco Berardi Bifo, Mark Fisher, Michael Hardt, Yann Moulier Boutang, Antonio Negri und Paolo Virno; Herausgeber, gemeinsam mit Andreas Löhrer, Reinhard Sauer und Jürgen Schneider, von Nanni Balestrini. Landschaften des Wortes, Berlin/Hamburg: Assoziation A, 2015.

Benjamin Opratko: Subalterne, Hegemonie, Rassismus

Donnerstag, 04.08, 18:00

In Antonio Gramscis Gefängnisheften tauchen »Subalterne« dort auf, wo es um ausgebeutete, unterdrückte oder beherrschte Gruppen geht. Lange galt der Begriff als Tarnwort für die Arbeiterklasse, es hieß, Gramsci hätte ihn taktisch eingesetzt, um die faschistischen Gefängniszensoren zu täuschen.

Tatsächlich sind Subalterne für Gramsci aber mehr und etwas anderes als die Klasse der Lohnabhängigen. Er setzt den Begriff bewusst ein, um einen Zustand der Unterwerfung und Unterordnung zu beschreiben, es geht ihm neben ökonomischen auch um politische, intellektuelle und das Alltagshandeln betreffende Dimensionen. Das macht ihn auch heute noch besonders anschlussfähig für kritische Analysen von Rassismus und Kolonialismus.

Im Vortrag werden die verschiedenen Bedeutungsdimensionen des Begriffs »Subalterne« bei Gramsci beleuchtet und ausgewählte Rezeptionsstränge, etwa in der Postkolonialen Theorie und den »Subaltern Studies«, diskutiert. Schließlich stelle ich Überlegungen zur Diskussion, wie eine an Gramsci anschließende, hegemonietheoretische Perspektive zum Verständnis gegenwärtiger rassistischer Verhältnisse beitragen kann.

Benjamin Opratko ist derzeit Gastprofessor für Internationale Politik an der Universität Wien und Redakteur der Monatszeitschrift Das Tagebuch.

Gundula Ludwig: Hegemonie, Geschlecht und Heteronormativität. Queer-feministische Herrschaftskritik mit Gramsci

Donnerstag, 04.08, 15:30

Warum der Kapitalismus trotz seiner inhärenten Krisenanfälligkeit sich als langlebiges Gesellschaftsprojekt behaupten kann, war eine der zentralen Fragen, die Antonio Gramsci in seinen Gefängnisheften beschäftigte. Mit seiner Hegemonie- und Staatstheorie gibt Gramsci darauf Antwort: Menschen werden dazu geführt, Herrschaftsverhältnissen zuzustimmen. Wie Gramscis Denken genutzt werden kann, um zu verstehen, wie Geschlechterverhältnisse und Heteronormativität durch Hegemonie gesichert werden, wird in dem Vortrag erläutert werden. Zudem wird gezeigt, wie aus queer-feministischer, Gramscianischer Perspektive Geschlecht und Heteronormativität mit der kapitalistischen Produktionsweise in Verbindung stehen und wie der integrale Staat in gesellschaftlichen Krisen Geschlecht und Heteronormativität als Ressourcen zur Krisenbewältigung einsetzt.

Gundula Ludwig ist Professor*in für Sozialwissenschaftliche Theorien der Geschlechterverhältnisse und Leiter*in der Forschungsplattform Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck an der Universität Innsbruck, und beschäftigt sich aus queer-feministischer Perspektive mit Staat, Kapitalismus und Hegemonie.

Mihael Švitek und Shannon Soundquist: Gramscideologospel

Mittwoch, 03.08, 21:00

Was die marxistische Klatschpresse gerne verschweigt: Antonio Gramscis erste große Liebe war die Sprachwissenschaft! Deswegen nimmt es nicht wunder, dass sich auch seine reiferenTexte durch eine besondere Sensibilität für linguistische Phänomene auszeichnen. Aber während in der englischsprachigen Forschung die Verwobenheiten von Gramscis Sprachtheorie mit seinen politischen Konzepten mittlerweile gut aufgearbeitet ist, wurde dieser für das Verständnis so entscheidende Aspekt hierzulande sträflich vernachlässigt. In dieser Lecture Performance spürt Mihael Švitek den dunklen Stellen der Gramsci-Rezeption nach und bietet eine gegenwärtige Lesart für seinen Begriff der Ideologie an. Shannon Soundquist spürt auf der Soundebene mit: Welche ideologischen Töne würde Gramsci z.B. in der Institution Tekno heraushören? Sieht er in der Kick den hegemonialen Tritt, der den Hedonist*innen die Fließbandarbeit ersetzt? Oder ist es eine Ohren- und Bauchmassage, die ideologisierte Denkmuster herausknetet?

Mihael Švitek (1988) hat in Stuttgart und Dresden die Fächer Linguistik, Kunstgeschichte, Philosophie und Literaturwissenschaft studiert. Seine Dissertation »Sprache und Ideologie« erscheint (hoffentlich) nächstes Jahr bei einem Verlag für schlaue Bücher. Er arbeitet als Dozent und Autor in Dresden.

Shannon Soundquist alias Antje Meichsner ist Sound Artist und Radiomacherin. Sie hat einen Abschluss in Kunstgeschichte, Psychologie und Kommunikationswissenschaft und studierte Medienkunst bei Carsten Nicolai / Alva Noto, derzeit bei Nevin Aladağ. Sie arbeitet konzeptuell mit Sound, Text, Grafik und Typografie. Ihre Live-Sets sind cineastisch, düster, noisig und nichttonal.

Gramsci als Kalenderspruch – Rezeptionslinien vom Zweiten Weltkrieg bis heute

Am 27. April 1937, am heutigen Tag vor 85 Jahren, starb der italienische Journalist und marxistische Politiker Antonio Gramsci. Er war bereits elf Jahre in politischer Haft, als ihm krankheitsgeschwächt und fast völlig isoliert von der Außenwelt vom faschistischen Führer, dem Duce, die Freilassung aus dem Gefängnis gewährt wurde. Das Krankenhaus, in das er bereits lange Zeit zuvor verlegt wurde, verließ er allerdings nicht mehr. Seine Freilassung war zynisch, da der einstige Führer der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) schon längst keine Gefahr mehr für seinen ehemaligen Parteigenossen und Renegaten Mussolini darstellte. »Ich bin«, schrieb er bereits 1932 aus dem Gefängnis an seine Schwägerin Tatjana Schucht, »an einen solchen Punkt gelangt, dass meine Widerstandskräfte kurz vor dem Zusammenbruch stehen, ich weiß nicht mit was für Konsequenzen.«

Gramsci hinterließ ein gewaltiges fragmentarisches Werk mit Gedanken und Notizen zur politischen Theorie, der Geschichte, Philosophie, Sprache und Kultur Italiens sowie Überlegungen zu Organisation und Adressaten einer revolutionären Theorie im Marxismus. Die insgesamt 32 Gefängnishefte waren nicht zur Veröffentlichung gedacht und nur erste Vorarbeiten Gramscis. Sie dokumentieren den Versuch einer Reflexion auf die Erfahrung einer gescheiterten proletarischen Revolution und der Machtergreifung des Faschismus in Italien und damit einer kritischen Betrachtung orthodox-marxistischer Theorie insgesamt. Er bezeichnete sie als »bloße Behauptungen«. Und fügte hinzu: »Manche von ihnen könnten bei den weiteren Untersuchungen aufgegeben werden, und womöglich könnte sich die entgegengesetzte Behauptung als die richtige erweisen.«


Neben der Form seines Werkes scheint eine weitere Ursache für die zwar immer wieder enthusiastische, aber doch in weiten Teilen selektive Rezeption seines Werkes eben dessen Vielschichtigkeit zu sein. Die stärkere Betonung der kulturellen und politischen Sphäre in der Gesellschaft gegenüber dem Ökonomischen eignete sich nicht für eine Rezeptionslinie in der DDR. Gramsci wurde zwar als KPI-Führer und Opfer des Faschismus, als Antifaschist, Respekt zuteil, aber seine Arbeiten stießen hingegen auf wenig Interesse. Selbst einige wenige Übersetzungen seiner Texte und Notizen ab den 1980er Jahren konnten die hegemoniale Theorie des »dialektischen Materialismus« (Diamat) nicht herausfordern.

Ein anderes Bild zeigte sich im Westen. Auf allen politischen Seiten schien Gramsci zur Neuausrichtung politischer Strategien und Analysen zu taugen. Ein extremes Beispiel sind die Arbeiten von Alain de Benoist, dem Vordenker der Nouvelle Droite in Frankreich, und dessen Adepten hierzulande, die darauf zielen, den »vorpolitischen Raum« von den »Links- und Neoliberalen« zurückzugewinnen (»Metapolitik«). Aber auch auf linker Seite pickt man sich oft die guten Sprüche zur Gestaltung des eigenen Kalenders aus dem Notizblock Gramscis heraus.

Bereits 1987, in einem Text zum 50. Todestag des Kommunisten, konstatierte Elmar Altvater, Gramscis Werk werde vor allem in der westdeutschen Linken immer nur »gefiltert« wahrgenommen und rezipiert. Beginnend in den 1960er Jahren mit der Herausgabe einer Anthologie (»Philosophie der Praxis«) markierte Christian Riechers Gramsci zwar als heterodoxen und revolutionären Philosophen, der den Voluntarismus im Marxismus betont, entwertete ihn aber implizit als Idealisten und Repräsentanten einer insgesamt gescheiterten italienischen Linken.

Später, mit der aufkommenden 68-Bewegung, kam es erstmals zu einem gewissen Gramsci-Enthusiasmus – verbunden mit Fragen der Organisation und Militanz. Gefiltert durch die realen Klassenkämpfe mit spontanen Streiks und Fabrikbesetzungen in Italien und Frankreich. Gerade Italien zeigt eine wichtige Parallele zu Deutschland, in der sich Gewalt als Mittel der politischen Durchsetzung in Selbstzweck verwandelte und damit desavouierte. Der italienische Operaismus jener Zeit war dezidiert anti-gramscianisch. Die deutsche Linke nahm Gramsci – wenn überhaupt – vor allem über den französischen Strukturalismus wahr, allen voran gefiltert durch Louis Althusser und dessen Überlegungen zu »ideologischen« und »repressiven Staatsapparaten«. Staatsapparate seien in der Funktion Ausdruck von Antagonismen im ökonomischen Unterbau. Doch war Gramsci nicht derjenige, der dem Überbau eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der Basis zubilligte?

Zu guter Letzt waren Teile der Gefängnishefte auch Vehikel allerhand reformorientierter Politik. Als sich Ende der 1970er Jahre viele Debatten zu Fragen der Hegemonie von Organisationen, Institutionen und den dazugehörigen Strategien entspannen, schien ein regelrechtes »Gramsci-Fieber« auszubrechen. Man versprach sich eine langfristige Perspektive auf »eurokommunistische« Reformen hin zum Sozialismus. Selbst die deutsche Sozialdemokratie versuchte sich Mitte der 1980er Jahre und mit dem Beginn einer sogenannten »Konservativen Wende« an einer Strategieänderung mit Bezugnahme auf Gramsci. Man schreckte nicht davor zurück, sich die Begriffe der Leute anzueignen, die man wenig zuvor noch mit Berufsverboten belegte.

Heute tauchen Begriffe wie »Subalterne« oder »Hegemonie« vor allem als Schlagworte einer nicht klar zu umreißenden Theorierichtung auf, die gern mit der Sammelbezeichnung »Cultural Studies« versehen wird, deren Entstehung in Großbritannien stark mit dem Namen Stuart Hall verbunden ist. Gramsci ist dort für die New Left schon länger ein Begriff und Hall hatte für das fragmentarische Werk auch ein gewisses Problembewusstsein: »I do not claim that, in any simple way, Gramsci ›has the answers‹ or ›holds the key‹ to our present troubles. I do believe that we must ›think‹ our problems in a Gramscian way – which is different.« Auch für die Postcolonial Studies hat Gramsci mit seinem non-eurocentric knowledge eine große Bedeutung.

Für alle hier genannten Rezeptionslinien gilt der gleiche Umstand: Weder auf Englisch noch auf Französisch gibt es eine Gesamtausgabe der Gefängnishefte. In Deutschland gibt es die ab Anfang der 1990er vom Argument-Verlag herausgegebene und vom Institut für kritische Theorie (Inkrit) erstellte und sorgfältig editierte »Kritische Gesamtausgabe« orientiert an der italienischen Ausgabe. Reichlich spät für eine lange »erfolgreiche« Rezeptionsgeschichte.

Für einen Kalenderspruch reicht‘s.

Gramsci Lesekreis

Da die Kantine erst im August stattfindet, haben wir einen Lesekreis gegründet, der sich bis dahin mit Gramscis theoretischen Beiträgen befassen soll!

Wir treffen uns einmal im Monat und widmen uns bestimmten Textausschnitten zu Gramsci. Die Texte und Termine werden gemeinsam am Ende jeder Sitzung ausgewählt.

In den ersten Besprechungen ging es um die Begriffe von Organischer Krise und Passiver Revolutionen bei Gramsci.

Im Folgenden erhalt Ihr die wichtigsten Informationen zum Lesekreis:

Wann: Das nächste Treffen findet am 13.04. um 18 Uhr statt. 

Wo: Online via Zoom

Anmeldung: Schreibt uns eine Nachricht bei Facebook: Kantine Festival, Instragram: Kantine »Gramsci« (@kantine_festival) oder per Kontaktformular

Genauere Infos zum Text, zum Ablauf unserer Treffen sowie den Zoom-Link erhaltet ihr via Privatnachricht.

Carolin Juler: Der NSU Komplex in Chemnitz — rechte Kontinuitäten in Chemnitz und Südwestsachsen

Dienstag, 02.08., 13:30

Ausgehend von den 1990ern in Chemnitz und dem Untertauchen des sogenannten ‚NSU Trios’ werden den Teilnehmenden des Stadtrundganges rechte Kontinuitäten in der Stadt Chemnitz aufgezeigt. Wie und durch wen konnte der NSU in Chemnitz untertauchen? Welche rechten Strukturen herrsch(t)en in der Stadt? Welche Akteurinnen gibt es bis heute? Wie lassen sich die Verbindungen zwischen Chemnitz 2018 und den Baselballschlägerjahren ziehen? Sonstiges: In dem circa 2 Stunden andauernden Stadtrundgang im Chemnitzer Stadtzentrum gehen die Teilnehmenden an Orte in der Chemnitzer Innenstadt, die vor allem durch die rechten Aufmärsche 2018 geprägt wurden. Eingangs wird es eine Einführung in den NSU Komplex geben, um Bezüge zur aktuellen Situation und Akteurinnen in Chemnitz und Südwestsachsen herzustellen.
TW: Das Format setzt sich vor allem mit Täter*innen und Neonazis auseinander. Es wird um rechten Terror, Morde und Anschläge von Neonazis gehen, weshalb es für die Teilnehmenden durchaus bedrückend sein kann, das Gehörte zu verarbeiten.

Start des Rundgangs: Subbotnik 13:30

Ende des Rundgangs: Karl-Marx-Kopf ca. 15:15

Carolin arbeitet und forscht als freiberufliche Bildungsreferentin zu den Themen NSU-Komplex, Rechte Szene in Chemnitz und Südwestsachsen und zur Gedenkarbeit für Betroffene von rechtsterroristischer Gewalt. Carolin lebt in Chemnitz und ist dort parlamentarisch und außerparlamentarisch politisch aktiv.

Stefan Pimmer: Gramsci peripher/postkolonial

Donnerstag, 04.08.22, 13:30

Ausgehend von Italien hat Gramscis Denken eine weltweite Verbreitung erfahren, die sich auch auf den “globalen Süden” erstreckt. Die Übertragung seiner Konzepte auf periphere Gesellschaften ist jedoch nicht unumstritten. Als Theoretiker der Revolution im “Westen” wird seinen Überlegungen mitunter eine eingeschränkte Gültigkeit für postkoloniale Herrschaftsverhältnisse attestiert, oder ihnen eine eurozentrische Sichtweise bescheinigt. Demgegenüber argumentiert der Vortrag, dass Gramscis politische und theoretische Interventionen oft ein großes Augenmerk auf Zentrum-Peripherie-Verhältnisse aufweisen und ihnen sogar eine postkoloniale Kondition zugrunde liegt. Dies bedeutet jedoch keinen theoretischen Freifahrtsschein für den “globalen Süden”. Der Vortrag plädiert daher für eine Übersetzungsarbeit, um gramscianische Konzepte für die Spezifika postkolonialer Verhältnisse zu sensibilisieren.

Stefan Pimmer ist Sozialwissenschaftler mit Schwerpunkt Lateinamerika; zurzeit an der Universität von Buenos Aires, wo er seine Doktorarbeit zur argentinischen und lateinamerikanischen Gramsci-Rezeption schreibt.