Georg Seeßlen: GRAMSCI GOES POP – Vom Klassencharakter der populären Kultur

Freitag, 05.08, 13:30

Populäre Kultur kann unter (mindestens) drei Aspekten kritisiert und, wenn möglich, »verstanden« werden.

  1. Als psychosoziale Trost- und Sinn-Maschine, die Träume (einschließlich sekundärer Bearbeitungen von verborgenen Wünschen und Ängsten) und »erklärende« Mythen bereit stellt, um den Defiziten des Alltags und der Arbeit zu entkommen (nicht zuletzt den Erfahrungen von Ohnmacht und Lähmung darin).
  2. Als ideologische Maschine, die auf direkte und mehr noch auf indirekte Weise Reklame macht für das Leben in dem System, in dem und für das sie entsteht und die daran gewöhnt, ihre Widersprüche zu integrieren.
  3. Als hegemoniales Instrument einer Klasse, die sich in der einen oder anderen Weise als »herrschende« positioniert.

    Natürlich sind diese drei Elemente eng miteinander verknüpft, und dennoch ergeben sie auch drei verschiedene Perspektiven. Psychoanalyse und Ideologiekritik (nicht nur der populären) Kultur haben mittlerweile einen gewissen Reichtum an Methoden und Schlüsselwerken entwickelt, Der Klassancharakter der populären Kultur indes wurde in aller Regel auf die Konstruktion der »kleinen Unterschiede« und der Innenausstattungen der bürgerlichen Klasse(n) beschränkt, während man die populäre Kultur der »Massenmedien« eher als industrielle Nach-Form für das »Opium des Volkes« angesehen wurde.
    Mit Antonio Gramsci kann eine linke Analyse das Feld der populären Kultur wieder öffnen für einen Kampf um Hegemonie, die nicht »selbstverständlich« ist, auch wenn die politische Ökonomie der Produktion dafür eine günstige Basis bietet.

    Georg Seeßlen, geboren 1948, studierte Malerei, Kunstgeschichte und Semiologie in München. Er war Dozent an verschiedenen Hochschulen im In- und Ausland und arbeitet heute als freier Autor unter anderem für Die Zeit, taz, epd-Film, Freitag etc. und als Kurator von Film/Kunst- Reihen und Ausstellungen.
    Außerdem hat er rund zwanzig Filmbücher geschrieben. Zusammen mit Markus Metz arbeitet er an Radio-Features und Hörspielen.

Anne Steckner: Hegemonie und die Crux mit dem bizarren Alltagsverstand

Samstag, 06.08, 18:00

Eigentlich banal: Die Auseinandersetzungen darüber, wie und wohin sich eine Gesellschaft entwickeln soll, müssen durch diese Gesellschaft hindurch: ideologisch, wissenschaftlich, alltagskulturell. Mehrheiten für grundlegende Veränderungen zu gewinnen und tragfähige Bündnisse zu schmieden, ist zuweilen mühsame politische Arbeit. Dafür, sagte der unermüdliche Aktivist und Parteistratege Antonio Gramsci, muss der Alltagsverstand der Menschen kritisch aufgearbeitet werden, um dessen guten Kern, den buon senso freizulegen und sich mit ihm zu verbünden. Kein leichtes Unterfangen, ist doch der Alltagsverstand eine »bizarr zusammensetzte Weltauffassung«, ein disparates Denken, Fühlen und Betrachten. Zugleich sagt Gramsci »alle Menschen sind Intellektuelle« und fordert auf, dieses Diktum ernst zu nehmen. Er zeigt, wie (Herrschafts-)Ideologie – auch in unseren eigenen Köpfen und Herzen und unserem Handeln – verankert ist, plausibel gemacht wird. Und ebenso, wo Risse und Widersprüche entstehen, an denen sich politisch anknüpfen lässt.


Anne Steckner ist Politikwissenschaftlerin, Autorin und Bildungsreferentin. Ihre Leidenschaft ist die Übersetzung komplexer Theorie in gut verständliches und vielen Menschen zugängliches Bildungsmaterial. Ihre Schwerpnkte sind Ökonomie, Feminismus und Kommunikation.

Solidarisch in Gröpelingen, Berg Fidel Solidarisch und Vogliamo Tutto: Revolutionäre Stadtteilarbeit

Samstag, 06.08, 15:30

Die Initiativen Berg Fidel Solidarisch aus Münster und Solidarisch in Gröpelingen aus Bremen haben vor einigen Jahren damit begonnen, eine Basisorganisierung im Stadtteil mit revolutionärem Anspruch aufzubauen. Sie wollen gemeinsame Kämpfe anstoßen, etwa gegen Wohnkonzerne, und durch Beratungsangebote, Bildungsveranstaltung und Austausch über Alltagsprobleme ein solidarisches Netzwerk etablieren. So soll linksradikale Politik in den Alltag der Menschen getragen werden, statt sich in subkulturelle Räume zurückzuziehen. Das Ziel ist dabei, durch die gemeinsame Organisierung eine antikapitalistische Perspektive zu verbreiten und zu mehr kollektiver Handlungsfähigkeit zu gelangen. Für ein Gelingen des Ansatzes sollen überall Basisgruppen entstehen und sich gemeinsam überregional organisieren.
In ihrer Praxis sehen sich die Stadtteilinitiativen immer wieder auch mit Fragen konfrontiert, mit denen sich Antonio Gramsci auseinandergesetzt hat: Wie kann am Alltagsverstand der Menschen angeknüpft werden, um sie für eine Umwälzung der eigenen Lebensbedingungen von unten zu gewinnen? Wie muss Bildung ausgestaltet werden, um Teil eines Politisierungsprozesses zu sein? Diese und weitere Fragen sollen auf dem Podium diskutiert werden.

Moderiert wird die Diskussion von der Gruppe Vogliamo Tutto aus Berlin, die sich mit der Frage nach einer revolutionären Praxis primär theoretisch beschäftigt und mit ihrer Arbeit in der Praxis aktive Gruppen unterstützen möchte. Im April dieses Jahres erschien der Band Revolutionäre Stadtteilarbeit, in dem Berg Fidel Solidarisch, Solidarisch in Gröpelingen sowie drei weitere Stadtteilgruppen zu ihren Praxiserfahrungen und strategischen Überlegungen interviewt werden.

Felix Klopotek: Die Gramsci-Legende

Samstag, 06.08, 13:30

Ketzerische Fragen: Gramsci hat die Kommunistische Partei in Italien mitgegründet – aber war er eigentlich Kommunist? Er gilt als großer Bereicherer der marxistischen Theorie – aber was hatte er von ihr verstanden? Gramscis Schriften weisen einen Ausweg aus den Aporien des Bolschewismus – aber welchen Anteil hatte sein politisches Handeln in den 1920ern an der Bolschewisierung »seiner« Partei?

»Mit Gramsci denken« – auf diese Maxime können sich bis heute die unterschiedlichsten Linken, von etatistisch bis beinahe anarchistisch, einigen. Gramsci-Kritik dagegen scheint eine Spezialangelegenheit von Mavericks zu sein, die zudem im Verdacht stehen, dem als dogmatisch und doktrinär verschrienen Gegenspieler Gramscis Amadeo Bordiga zu huldigen. Aber die Lage ist komplizierter. Gramsci hielt Bordiga, mit dem er tatsächlich politisch häufig nicht übereinstimmte, für einen seiner vertrauenswürdigen Freunde. Und im Gegensatz zu vielen seiner Exegeten war Gramsci sich stets bewusst, dass sein großer Not abgerungenes Werk alles andere als ausgereift und abgeschlossen war. Das Hindernis, das einer angemessen historisierenden und kritischen Beschäftigung mit Leben und Werk Gramscis im Wege steht, scheint eine spezifische Gramsci-Legende zu sein. Wer hat sie ins Leben gerufen? Und warum?

Der Vortrag von Felix Klopotek erlaubt sich, diese ketzerischen Fragen zu stellen und gibt einige Hinweise, um hartnäckigen Legendenbildungen in der kommunistischen Bewegung auf die Spur zu kommen.

Felix Klopotek lebt und arbeitet in Köln. Er hat 2009 die Schriften Christian Riechers’ herausgegeben, des ersten deutschen Gramsci-Forschers und vor allem: Kritikers (Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus), er hat zu Amadeo Bordiga und Rätekommunismus gearbeitet und aktuell die Biographie Heinz Langerhans’ veröffentlicht (Heinz Langerhans: Die totalitäre Erfahrung).

Collagen-Gang: Loch in der Mauer – Utopisches zum Entkommen

Freitag, 05.08, 21:00

Antonio Gramscis theoretisches Hauptwerk sind seine Gefängnishefte, Aufzeichnungen und Notizen aus der Haft. Als Gefangener teilt er das Schicksal nicht weniger linker politischer Akteur*innen. Die Gefahr, inhaftiert zu werden, prägt das Bewusstsein politischen Aktivismus und die Realität der Inhaftierung die Aufzeichnungen und Zeugnisse aus den sozialistischen und kommunistischen Bewegungen der letzten zwei Jahrhunderte. Wir haben die für uns spannendsten dieser Aufzeichnungen genommen und neu angeordnet und auch Musik gefunden.

So entstehen Szenen zwischen Einsamkeit und Anteilnahme, dem Versuch denen draußen Mut zu machen und der eigenen Ohnmacht aber auch zu grundsätzlichen Fragen von Inhaftierung, und (politischer) Gefangenschaft. Dabei wird deutlich, dass sich gegen die bedrückenden Erfahrungen der Einsperrung ein frivoler Kommunismus behaupten konnte: »tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem«, wie Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis an eine Freundin schrieb.

Katha, Fabian und Janis erarbeiten seit ein paar Jahren aus klassischen und randständigen Texten der Linken und darüber hinaus, Popmusik und Schlager, Beiträgen aus den Sozialen Medien usw. szenische Lesungen, die dazu gedacht sind anzuregen, nachdenklich zu machen, zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Ihr Motto dabei: »auf das unerklärbarste niemals entmutigt, durch keinerlei wirklichkeit überzeugt« (Schernikau) und das erwartet euch auch an diesem Abend.

Jonas Fischer: Klima, Wachstum, Interregnum

Freitag, 05.08, 15:30

Seit dem Nachkriegsboom sinken global die Wachstumsraten. Besonders deutlich ist dieser Trend in den früh-industrialisierten Ländern. Spätestens seit die Erholung nach der Finanzkrise 2007/08 ausblieb, ist der angeschlagene Zustand der Weltwirtschaft kaum mehr zu leugnen. Mit ähnlicher Rücksichtslosigkeit drängt sich der Klimawandel in das öffentliche Bewusstsein. Angesichts dieser doppelten Krise erleben wir gegenwärtig eine Öffnung des politischen Möglichkeitsraumes – mit Gramsci gesprochen: ein Interregnum.

Das Ziel des Vortrags wird es sein, in groben Zügen die derzeit konkurrierenden politischen Projekte nachzuzeichnen: Welche Strategien werden zur Wiederherstellung des Wachstums verfolgt? Wie wird der Klimawandel adressiert? Welche gesellschaftlichen Kräfte werden mobilisiert und welche Klassenkompromisse angestrebt?

Jonas Fischer studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Schwerpunkten zählen unter anderem Staats-, Regulations- und Hegemonietheorie. Derzeit schreibt er seine Masterarbeit zu Deindustrialisierung und Klimapolitik in Ostdeutschland.

Paul Lißner: Rechte Gramsci-Rezeption

Freitag, 05.08, 11.00

Im Workshop wollen wir uns auf eine genealogische Spurensuche zu den Anfängen der sogenannten Neuen Rechten begeben und gemeinsam überlegen, was davon noch aktuell sein könnte.

So absurd es auf den ersten Blick erscheinen mag, kann Antonio Gramsci als ein spiritus rector der Nouvelle Droite verstanden werden. Der als »Gramscianismus von rechts« bezeichnete strategische Ansatz, sich dessen staatstheoretische Analysen zu eigen zu machen, ist im Frankreich der 1970er entstanden und scheint mittlerweile wieder en vogue. Die Grundlagentexte der Kulturrevolution von rechts von Alain de Benoist wurden kürzlich im neo-faschistischen Dresdner Jungeuropa Verlag wieder herausgegeben. Daraus werden wir seinen Selbstverständigungstext Die alte und die neue Rechte gemeinsam auf die Funktionen der Aneignung von Gramscis Revolutionstheorie hin untersuchen und mit Blick auf deren Anwendung heute diskutieren.

Obwohl es in Deutschland nach einer kurzen Blüte in den 1980ern eine lange Zeit ruhig um die neurechten Querfrontansätze blieb, wurden im Zuge der wieder erstarkenden europäischen Rechten, besonders der Identitären Bewegung, strategische Grundlagen neu überdacht und popularisiert. Eine erneute Aneignung vor allem aktueller linker Theorie nach altem französischen Vorbild, versucht allen voran Benedikt Kaiser, der als Adept Alain de Benoists in Deutschland im Umfeld Götz Kubitscheks agiert. Erst jetzt wird scheinbar nachgeholt, was de Benoist schon vor knapp 50 Jahren mit Gramscis Hegemonietheorie im Hinterkopf forderte: Man müsse sich an den revolutionären Strategien der aufstrebenden Linken von damals orientieren, um selbst wieder gesellschaftspolitisch wirkmächtig zu werden. Inwieweit dies geglückt ist und wo mögliche Grenzen einer solchen strategischen Aneignung liegen können, soll im Workshop abschließend erörtert werden.

Paul Lißner ist studierter Kulturwissenschaftler und promoviert derzeit in Bereich Politischer Theorie an der Universität Leipzig.

Thomas Atzert: »Immer noch und immer wieder: Wir wollen alles.« Nanni Balestrini und die »Frage des Südens«

Donnerstag, 04.08, 21:00

Der italienische Autor Nanni Balestrini (1935–2019) ist vielen deutschsprachigen Leser*innen vor allem durch Übersetzungen seiner erzählenden Prosa bekannt. In den Büchern Wir wollen alles, Die Unsichtbaren oder Der Verleger, aber ebenso in Die Wütenden, in Sandokan und Carbonia oder auch in dem Poem Blackout richtet Balestrini den Blick auf die Sozialgeschichte insbesondere seit den 1960er Jahren in Italien und darüber hinaus, auf die Kämpfe der Arbeitenden und der sozialen Bewegungen gegen Ausbeutung und Unterdrückung, auf die Dynamiken der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse und Veränderungen, auf die staatliche Repression und ihre Auswirkungen, auf Hooligans, Camorra und Berlusconi. Ausgangsmaterial des literarischen Texts ist in vielen Fällen eine Art oral history, wobei die authentische und vielstimmige Alltagssprache der Protagonist*innen konzentriert und häufig mit anderem sprachlichen Material (Flugblättern, Zeitungsberichten, Untersuchungen, offiziellen Dokumenten) kontrastiert wird.

In dieser (halb-)dokumentarischen Re-Kombination berühren sich auf spannende Weise, und darin besteht die fortwährende Aktualität Balestrinis, politische und ästhetische Radikalität, Autonomie und Avantgarde.

Thomas Atzert ist Publizist und Übersetzer vor allem sozialwissenschaftlicher Essayistik, übersetzte u.a. Giorgio Agamben, Franco Berardi Bifo, Mark Fisher, Michael Hardt, Yann Moulier Boutang, Antonio Negri und Paolo Virno; Herausgeber, gemeinsam mit Andreas Löhrer, Reinhard Sauer und Jürgen Schneider, von Nanni Balestrini. Landschaften des Wortes, Berlin/Hamburg: Assoziation A, 2015.