Vortrag: Zum Verhältnis von jüdischem Messianismus und historischem Materialismus bei Walter Benjamin.

Die ‚geschichtsphilosophischen Thesen‘, gelesen als ein Projekt Säkularisierter Theologie.

Charlotte Trottier

Mittwoch, 26.08., 18:30 Uhr

Sowohl in der neueren als auch in der traditionellen Forschungsliteratur lässt sich beobachten, dass in der Beschäftigung mit dem Werk Walter Benjamins oft eine Unterscheidung zwischen‚ dem historischen Materialisten‘ und ‚dem jüdischen Mystiker‘ Benjamin vollzogen wird. Diese Unterscheidung ist nicht nur zurückzuführen auf spezifische Strömungen in der Rezeptionsgeschichte Walter Benjamins, die in ihrer ersten Generation am prominentesten mit den Namen Theodor W. Adorno einerseits und Gershom Scholem andererseits verknüpft sein dürfte. Vielmehr – so eine zentrale These des Vortrags – ist sie auch Resultat einer scheinbar natürlichen Distanz, die die historisch-materialistische Forschung zur Theologie einnimmt. Umso ungewöhnlicher scheint es in diesem Kontext, dass Benjamin nicht nur in seiner ersten geschichtsphilosophischen These explizit eine Verknüpfung beider Elemente vornimmt, mit dem Ziel, den historischen Materialismus aus jener Starre zu befreien, in welche er etwa nicht nur im theoretischen Prophetismus Kautskys oder einer vulgär-marxistischen Zwei-Stufen-Theorie, sondern auch ganz real in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 hineinmanövriert wurde. Die Beschäftigung mit dem Theologischen ist dabei keine zufällige: Benjamin, der seine Thesen in Anknüpfung an seine Verhaftung in Frankreich auch als Antwort auf den Hitler-Stalin-Pakt formulierte, knüpft im Angesicht der Katastrophe an eine Denktradition jüdisch-deutscher Linksintellektueller an, die sich bis zu Karl Marx und Moses Hess zurückverfolgen lässt, und versucht, jüdisch-messianische Motive zu säkularisieren und für eine Kritik des Wirklichen fruchtbar zu machen.

Dieser Rückgriff auf jüdisch-messianische Elemente in Verbindung mit Benjamins historisch-materialistischer Geschichtsphilosophie soll im Rahmen des Vortrags dargestellt und auch im Hinblick auf seine möglichen Auswirkungen auf den Begriff der Aufklärung, der die späteren Überlegungen der Frankfurter Schule nachhaltig prägen sollte, rekonstruiert und diskutiert werden.

Charlotte Trottier (Universität Leipzig / Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow)

Vortrag: 1968 – Walter Benjamins Nachleben im Panorama eines Jahres

Robert Pursche

Mittwoch, 26.08., 11 Uhr

1968 entbrannte eine öffentliche Debatte um Walter Benjamin, die schon länger in der Luft lag. Es ging dabei vor allem um keineswegs neue Deut-ungskämpfe, die sich um Benjamins Verhältnis zum Marxismus drehten und in der hitzigen Atmosphäre der Revolte an Schärfe gewannen. Daneben gab es aber auch noch andere, scheinbar randständigere Konflikte um Benjamin. Insbesondere handelte es sich dabei um Auseinandersetzungen um den Zugang zu jenen Archivbeständen Benjamins, die bei Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main und im Deutschen Zentralarchiv in der DDR lagen. Im Jahr 1968 verstärkten sich diese theoretischen und politischen Kämpfe um Benjamins Nachleben im geteilten Deutschland wechselseitig und auf folgenreiche Weise. Im meinem Vortrag sollen verschiedene Schauplätze dieser Kontroversen um Benjamin besichtigt werden: Feuilletonbeiträge und Korrespondenzen, Verlagsbesprechungen und Redaktionssitzungen, Universitäten und Archivräume, Buchmessen und Stasi-Berichte.

Hörspielrelease: Leben im Spiel – eine auditive Präsentation der Gesellschaftskomödie »Es geht. Aber es ist auch danach!«

Jolande Fleck

Freitag, 28.08., 21:00 Uhr

Es geht. Aber es ist auch danach! ist der Titel eines Theaterstücks, das der Unterhaltungsliterat Wilhelm Speyer in Kooperation mit seinem Freund Walter Benjamin Ende der 1920er Jahre verfasste. Aspekte ihrer Gegenwart und ihres direkten Lebensumfelds, der sogenannten Berliner Gesellschaft aufnehmend, spielen Speyer und Benjamin in Es geht. Aber es ist auch danach! das Experiment einer Dreiecksbeziehung, frei von Besitzansprüchen und Eifersüchteleien, durch: „[D]er eigentliche Angelpunkt [d]er Gesellschaftskomödie“, formulierte Benjamin in einem Radiogespräch mit Speyer, ist es „einmal auszuprobieren, wie weit die modernen Menschen mit ihrer berühmten sportlichen Fairness kommen.“

Während seitens der zeitgenössischen Kritik der Plot des Stücks als oberflächlich abgetan wurde und „am peinlichsten die […] Bagatellisierung des Mannes empfunden [wurde], der fast seelenlos und ohne eigene Impulse von den beiden Frauen herüber und hinüber verhandelt wird“, entpuppt sich Es geht. Aber es ist auch danach! bei näherer Betrachtung sowohl im Entstehungskontext als auch heute als ein gehaltvoller, vielschichtiger und gesellschaftskritischer Beitrag. Wie unter einem Brennglas konzentrieren sich in der Komödie ideelle, materielle, individuelle und gesellschaftliche Momente der späten 1920er Jahre, mit denen sich Benjamin in diversen Schriften kritisch auseinandersetzte. Jolande Fleck folgt den Benjaminischen Spuren in Es geht. Aber es ist auch danach! – in Bild, Ton und Wort. Sie hat Es geht. Aber es ist auch danach! vertont und wird unter Rückgriff auf das Hörspiel Speyers und Benjamins Komödie als Hommage und Kritik am modernen Fortschritt vorstellen.

Jolande Fleck studierte Germanistik, Soziologie, Philosophie und Kulturwissenschaften in Freiburg, Halle und Leipzig. Als Radiomacherin beschäftigt sie sich schwerpunktmäßig mit Flucht und Exil im zweiten Weltkrieg, Tod und Freitod sowie der Kulturgeschichte von Alltagsdingen. Ausgewählte Audioproduktionen von Jolande Fleck sind auf ihrem Blog rabanradio.com zu finden.

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Eröffnungsvortrag: Zweideutigkeiten. Walter Benjamin und die tiefsten Schächte des Alltäglichsten

Robert Zwarg

Montag, 24.08, 18:30 Uhr

Theodor W. Adorno hat seinen Freund Walter Benjamin einmal als einen Magier beschrieben, „mit einem sehr hohen Hut und mit einer Art von Zauberstock.“ Zwar liegt darin bereits das Element des verkitscht Romantischen, das aus der späteren Benjamin-Rezeption nicht weg-zudenken ist – ebenso wenig wie stilisierende Vereinseitigungen als Revolutionär, Mystiker oder Vorläufer des Poststrukturalismus. Und dennoch trifft Adornos Charakterisierung etwas Entscheidendes an Benjamins Denken, das vor dem Hintergrund der Schalheit zeitgenössischer Philosophie und Kulturtheorie gar nicht genug betont werden kann: die Fähigkeit, wie mit Zauberhand aus dem Nächsten den Funken des Fernsten zu schlagen und, mit anderen Worten, das Alltäglichste zum Material seiner Denkbilder zu machen. Der Vortrag wird Walter Benjamin, der sich vor 80 Jahren an der französisch-spanischen Grenze auf der Flucht vor den Nationalsozialisten des Leben genommen hat, als Physiognom des Alltags vorstellen, als aufmerksamen Kritiker einer Sphäre, die ihre Geltung gerade daraus bezieht, das sie als selbstverständlich erscheint.

Robert Zwarg ist Philosoph und Übersetzer und lebt in Leipzig. Derzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin. Veröffentlichungen: „Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition“ (Göttingen 2017)

Vortrag: Versuch, mit Walter Benjamin den Nationalsozialismus zu verstehen

Nikolas Lelle

Donnerstag, 27.08., 15:30 Uhr

Als Walter Benjamin sich im September 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Portbou das Leben nahm, war das Konzentrationslager in Auschwitz erst wenige Wochen eröffnet. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gab es noch nicht. Es fehlt daher in seinen Schriften ein Bezug auf das „Nervus rerum“ (Detlev Claussen) der Kritischen Theorie der Nachkriegszeit: die Shoah; oder wie Theodor W. Adorno es schlicht nannte: Auschwitz. Das könnte ein Grund sein, warum in der Folge nur selten versucht wurde, mit Walter Benjamin den Nationalsozialismus zu verstehen. In seinem Werk fehlt schlicht das, was sich später überdeutlich als der Kern der nationalsozialistischen Politik zeigte: der eliminatorische Antisemitismus.

Aber der Nationalsozialismus war bereits seit zwei Jahrzehnten eine politische Kraft in Deutschland und seit mehr als sieben Jahren an der Macht. Was nach Benjamins Tod folgte, der Versuch der systematischen Vernichtung des europäischen Judentums, zeichnete sich bereits ab. Es finden sich daher, das will dieser Vortrag zeigen, in Benjamins Texten Überlegungen und Passagen, die helfen beim Versuch, den Nationalsozialismus zu verstehen.

Die Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ etwa, Benjamins letztem Text, der erst posthum veröffentlicht wurde, sind fast schon auf prophetische Art eine Absage an die bürgerliche Forschrittsgläubigkeit. Geschichte, so erscheint sie Benjamins Angelus Novus von Paul Klee hier, ist „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“. Seine Ge-schichtsthesen können ohne den damaligen Siegeszug des National-sozialismus nicht verstanden werden. In seinem wohl berühmtesten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ schreibt Benjamin – fast im Vorbeigehen – einen Satz, der das Verhältnis des Nationalsozialismus zur Arbeiterschaft treffend charakterisiert: Der Masse, so Benjamin, sei zu ihrem Ausdruck, aber nicht zu ihrem Recht verholfen worden. In einem deutlich früheren Aufsatz von Benjamin, „Zur Kritik der Gewalt“, fand der Literaturtheoretiker Werner Hamacher eine Dichotomie, mit der er versuchte, den Nationalsozialismus zu verstehen: Öffnung und Schließung. In einem bahnbrechenden Aufsatz mit dem Titel „Arbeiten Durcharbeiten“ bezog er diese Dichotomie auf die nationalsozialistische Arbeitsauffassung.

Benjamins Philosophie enthält also eine Fülle von Erkenntnissen, die es lohnt für eine Erforschung des Nationalsozialismus zu Rate zu ziehen. Dieser Vortrag stellt dafür einen ersten Versuch dar.

Workshop: Einführung zu Walter Benjamin

Janis Walter

Dienstag, 25.08, 11 Uhr

Eigenwillig! Der Versuch einer Charakterisierung Walter Benjamin würde zu einem solchen Begriff führen. Seine Interessen galten jüdischer Mystik und Schneekugeln, marxistischer Theorie, Kinderspielzeug und französischer Literatur. Ohne selbst akademisch Erfolg gehabt zu haben, ist er einer der meist zitiertesten Autor*innen des 20. Jahrhunderts. Diese Scherben seines Interesses lassen sich nicht zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen, genauso wie sein Werk unabgeschlossen geblieben ist.
Wir wollen mit kurzen blitzlichtartigen Einblicken in sein Werk eine Annäherung an Walter Benjamin versuchen. Vorkenntnisse sind deshalb explizit nicht notwendig.

Janis Walter schließt gegenwärtig sein Masterstudium mit einer Arbeit in Anlehnung an Walter Benjamins Passagenwerk ab. Mit der Arbeit fragt er sich auch, wie Philosophie anders als in einem Buch dargestellt werden kann und entwickelt daher gerade aus ihr eine Ausstellung.

Workshop: Der Autor als Produzent

Frank Voigt & Peshraw Mohammed

Samstag, 29.08., 15:30 Uhr

Der „Autor als Produzent“ (1934) ist eine von Benjamin politisch engagiertesten Arbeiten. In dem als Vortrag konzipierten Text argumentiert Benjamin, dass die richtige politische Position eine bestimmte literarische Tendenz einschließe. Benjamin verwendet dafür einen bestimmten Begriff der (literarischen) „Technik“ und der „Umfunktionierung“. Wir wollen nach kurzen Inputs auf deutsch und englisch mit Euch über folgende Fragen anhand des Texts diskutieren: was ist das für ein Begriff von Technik, auf den Benjamin sich bezieht? Wie lässt sich das Verhältnis Autor als „Produzenten“ zu einem Klassenbewusstsein verstehen? Wir sind offen für alle weiteren Fragen und empfehlen die Lektüre des Vortrags vorab (Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Bd. 2., S. 683-701).

Peshraw Mohammed ist freiberuflicher Autor und Übersetzer aus Irakisch-Kurdistan, zurzeit lebt er in Deutschland. Peshraw arbeitet über die Beziehung zwischen Ästhetik und Politik u.a. bei Walter Benjamin und Siegfried Kracauer. Er hat Benjamins Vortrag „Der Autor als Produzent“ 2012 ins Kurdische übersetzt.

Frank Voigt hat an der Universität Potsdam studiert und sich in seiner gerade abgeschlossenen Promotion mit den Veränderungen in Benjamins intellektuellem Selbstverständnis und seiner Auffassung von Kritik in den 1920er und 1930er Jahren beschäftigt.

Den Text „Der Autor als Produzent“ findet ihr hier

Thesen zur urbanen Krise von Chemnitz

Vortrag von Dominik Intelmann am Samstag, 10.08.2019, 11.00 Uhr

Die urbane Krise von Chemnitz rückte in den letzten August-Tagen des Jahres 2018 in alle Öffentlichkeit, hat jedoch eine lange Vorgeschichte. Im Vortrag wird untersucht, aus welcher bestimmten Ortsgeschichte heraus die Eigenarten der Chemnitzer Stadtgesellschaft und das rechte Protestgeschehen verständlich werden. Die dazu aufgestellten Thesen widmen sich der kulturellen und institutionellen Modernisierung, dem Zustand der Zivilgesellschaft, der Einordnung der konkreten Ereignisse im August 2018, der politischen Ökonomie Ostdeutschlands und der demographischen Situation.

Umrisse der Weltcommune und ihre Kritik

Vortrag von Kosmoprolet am Donnerstag, 08.08.2019, 18.30 Uhr

Gegenwärtig sind reaktionäre und autoritäre Kräfte nicht nur weltweit im Aufwind begriffen, Nationalkonservative, Faschisten und Islamisten haben scheinbar die Vorstellung, man könne die Gesellschaft auch angenehmer gestalten, hinfällig gemacht. Während die Vorstellung von einer besseren Welt lange Zeit als zentrale Stärke der Linken galt, begnügen sich emanzipatorische Kräfte heute zumeist damit, Defensivpositionen einzunehmen, breite Bündnisse auszurufen und an sozialdemokratischen Minimalstandards festzuhalten. Doch besteht die richtige Antwort auf die rechte Gefahr wirklich darin, dass radikale Linke sich mit dem liberalen Bürgertum in eine Gemeinschaft des Reformismus retten?

Nein, vielmehr sind gerade jetzt radikale Gegenentwürfe zum Bestehenden an der Zeit. Die Revolten und Aufbrüche der letzten Jahrzehnte blieben in dieser Hinsicht ziemlich blass und kapitulierten davor, den Übergang zu einer wirklich nachkapitalistischen Gesellschaft zu wagen. Dabei spricht einiges dafür, dass die alte Bestimmung des Kommunismus als einer Gesellschaft, in der jede nach ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen leben und tätig werden kann, brandaktuell ist. Was die Aufhebung des jetzigen Zustands konkret heißt und wie die Welt von morgen aussehen könnte, haben wir in der neuen Ausgabe von Kosmoprolet zu umreißen versucht. Einige der zentralen Fragen, auf die die Kommunarden und Kommunardinnen in den kommenden Aufständen stoßen werden, wollen wir zur Debatte stellen.
Link zum Text: https://kosmoprolet.org/umrisse-der-weltcommune