Workshop: Feministische Perspektiven auf das Recht – Antidiskriminierungsrecht zwischen Emanzipation und „Essentialismusfalle“?

Nora Auerbach

Freitag, 27.08., 11:00 Uhr

In meinem Workshop lade ich dazu ein über Potentiale des Rechts aus einer feministischen Perspektive zu diskutieren. Nach einem kurzen Input zur Geschichte der feministischen Rechtswissenschaften und ihrer Baustellen wenden wir uns der Praxis zu und nehmen beispielhaft das Antidiskriminierungsrecht unter die Lupe. Antidiskriminierungspolitik spielt in politischen Kämpfen eine immer wichtigere Rolle. Kann mit dem Recht die politische Utopie einer diskriminierungsfreien Gesellschaft verwirklicht werden?

Teil 1: Input: Einführung feministische Rechtswissenschaften
• „Alte Frauenbewegung – Neue Frauenbewegung – Gender Trouble“

Teil 2: Antidiskriminierungsrecht
• kurze Einführung
• Antidiskriminierungsschutz als Anerkennung und Möglichkeit von politischer Emanzipation

Teil 3: Perspektiven und Kritik
• Rechte kennen, Rechte nutzen
• Kritik des Rechts, theoretische Reflexion
• Kategoriendilemma im Recht

Der Workshop richtet sich ausdrücklich an alle Interessierte, juristische Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Jeder Kritik geht die Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand voraus. In diesem Sinne soll der Workshop dazu ermutigen, eigene Perspektiven auf das Recht zu entwickeln und Kritikansätze zu formulieren.

Nora Auerbach hat Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft studiert. Sie ist Mitbegründerin des AK zu Recht Münster und des Netzwerks Rechtskritik NRW. Sie wohnt in Berlin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kunstkanzlei mit eigenem Schwerpunkt im Bereich Sozialrecht und Antidiskriminierungsrecht.

Vortrag: Weltraummedusen – Star Trek: The Next Generation als feministische Utopie

Dania Alasti

Donnerstag, 26.08., 18:00 Uhr

Ist Star Trek: The Next Generation eine feministische Utopie? Ja, aber nicht wegen der dargestellten Geschlechterverhältnisse. Auch wenn es redliche Versuche gab, emanzipierte Lebensweisen darzustellen, scheiterten sie an vielen Stellen. Die Erzählung ist eine feministische Utopie, weil die Begegnung mit fremden Wesen bewusst auf andere Weise dargestellt wird, als sie in der hegelschen Herr-Knecht-Dialektik konzeptioniert ist. In The Next Generation wird das Bild einer Zukunft entworfen, in der die Begegnung mit Anderen grundsätzlich nicht vernichtend, unterwerfend oder ausbeutend ist. Die Gründe erscheinen den Protagonist:innen bewusst, werden aber nicht expliziert. Eine thematische Analyse der ersten beiden Episoden zeigt, dass sie in einem Verständnis von Abhängigkeiten bestehen, das nicht versucht, Abhängigkeiten durch Herrschaftsverhältnisse zu kompensieren.

Dania Alasti ist Doktorandin an der Freien Universität Berlin und Autorin von „Frauen der Novemberrevolution / Kontinuitäten des Vergessens“.

Film & Gespräch: …geradezu heraus. IRMTRAUD MORGNER in Chemnitz

Beathe Kunath

Donnerstag, 26.08., 21:30 Uhr

…geradezu heraus. IRMTRAUD MORGNER in Chemnitz (BRD 2008, 77 min.) porträtiert die Persönlichkeit und das Werk der Schriftstellerin Irmtraud Morgner (1933 – 1990) mit dem Schwerpunkt ihrer Herkunft, Kindheits- und Jugendjahre in Chemnitz. Sie lebte bis zu ihrem Abitur 1952 bei ihren Eltern in Chemnitz-Hilbersdorf. Ihr Vater war Lokomotivführer, die Mutter, eine gelernte Schneiderin, war Hausfrau.

Die familiären, sozialen und politischen Erfahrungen aus dieser Zeit haben sie stark geprägt und werden in fast all ihren Romanen literarisch verarbeitet, ohne direkt autobiografisch zu sein. Der Film dokumentiert durch Interviews mit Lebenszeuginnen und Lebenszeugen aus der Kindheit und Schulzeit das reale Leben Irmtraud Morgners in der damaligen Zeit und setzt es in Beziehung zu ihren Romanen.

Beate Kunath ist Filmemacherin, wurde in Karl-Marx-Stadt geboren und lebt in Berlin. Sie arbeitete an der Filmwerkstatt Chemnitz, initierte ein lesbisch-schwules Filmfestival, war Jurorin für Filmpreise und ist als VJ tätig. Unter ihrem Label bi:kei productions entstanden zuletzt die dokumentarischen Filme RAW CHICKS.BERLIN (105 min, 2017) und „Hurra! Es ist ein Mädchen!” (145min, 2018).

Marcuses Gespenster – A pervert’s guide to feminist utopia

Michael Beron

Donnerstag, 26.08., 15:30 Uhr

Im Dialog mit der Fernsehserie Mad Men und anderen Serien- und Diskursfragmenten – von Angela Davis zu Barack Obama und Game of Thrones – fragt der Beitrag nach der Aktualität und Bedeutung feministischer Utopien für das kulturelle Imaginäre, d.h. die herrschenden (und in Herrschaft verstrickten) Selbst- und Menschenbilder im Neoliberalismus. Die Frage wird geleitet von zeitgenössischen Diagnosen (Fraser, McRobbie, Soiland), wonach utopische Wünsche der Frauenbewegung im Übergang zum postfordistischen, neoliberalen Kapitalismus teilweise integriert wurden und eine Art Doppelleben und unheimliche Wahlverwandtschaft mit einer Ideologie entwickelt haben, die als Regierung der Freiheit und Befreiung auftritt und die Verwandlung von passiven Objekten in aktive, selbstermächtigende Subjekte einfordert und verspricht.

Michael Beron studierte Theaterwissenschaft und Philosophie in Mainz und Berlin, arbeitete als Theatermacher, u.a. im EGfKA-Kollektiv, und publizierte u.a. zu neurechtem Kulturkampf und kulturellem Antifaschismus. Aktuell forscht er, alimentiert von der Rosa Luxemburg-Stiftung, zu Fragen von Arbeitsideologie in US-amerikanischen Fernsehserien der Gegenwart.

Grenzverschiebung im Weltall – Ursula K. Le Guin und ihr Hainish-Zyklus

Christian Selent

Donnerstag, 26.08., 14:00 Uhr

Science Fiction befindet sich in einem Spannungsfeld von kulturindustrieller Bombastproduktion im Westernstil á la Star Wars und nerdig konnotierter Nische. In den Zwischenräumen hat das Genre von Anfang an Platz für aufgeladene politische, literarische und wissenschaftliche Diskurse geboten. Ein wichtiger Bestandteil dieser Debatten war die US-amerikanische Autorin Ursula Kroeber Le Guin (1929 – 2018). Sie gehört zu den Protagonist:innen der New Wave-Science Fiction, einer inhaltlichen und stilistischen Erneuerungsphase des Genres, und erweiterte die »Science« um Aspekte der Ethnologie und der Sozialwissenschaften. Ihr Spielraum für dieses Vorhaben war der Hainish-Zyklus, ein mehr oder weniger zusammenhängendes Erzähluniversum, in dem die Menschheit sich auf weit voneinander entfernten Welten sozial und biologisch in verschiedene Richtungen entwickelt hat. Le Guin lässt ihr Publikum beispielsweise den ambisexuellen Bewohner:innen des isolierten Planeten Gethen begegnen oder führt es zu der anarchosyndikalistischen Gesellschaft von Urras. Ihr Anliegen dabei war alles andere als eskapistisch, sondern zielte auf die Gegenwart ab.

In meinem rund 30-minütigen Input möchte ich mit persönlichen Leseeindrücken, biografischen Schnappschüssen und Textausschnitten Lust darauf machen, selbst in das Werk von Ursula K. Le Guin einzusteigen.

Workshop: Feminismus und Männlichkeit – Zwischen pinken Nägeln und Patriarchat

Katharina Vitt & Tom Wulf

Donnerstag, 26.08., 11:00 Uhr

Was haben Männer und Männlichkeit in feministischen Utopien zu suchen? Um Antworten auf diese Frage zu finden betrachten wir aktuelle, sowie vergangene (pro-)feministische Kämpfe und Diskurse. Kann eine softrasierte Männlichkeit à la Gillette die Zukunft der Geschlechterverhältnisse revolutionieren? Kann Mann toxische Männlichkeit kurieren? Sind wir mit dem männlichen Privilegien-Check auf dem Höhepunkt transformativer Organisierung angekommen? Diese Fragen führen uns durch den Vortrag zu einer anschließenden Diskussion feministischer Perspektiven auf einen kollektiven Umsturz des Patriarchats und die Rolle der Männer darin. Wir wollen Ideen zuspitzen, verfeinern und auf die Probe stellen. Aus der aktivistischen und alltäglichen Praxis der Teilnehmenden entwickeln wir Ideen, wie solidarische Beziehungsweisen entstehen und den Weg zu einer feministischen Utopie ebnen können.

Katha und Tom sind irgendwann zwischen Studium, Aktivismus und Lohnarbeit aus Frust, Wut und Begehren auf die Idee gekommen, dem Problem mit der Männlichkeit auf den Grund zu gehen – im gemeinsamen Diskutieren, Schreiben und Vortragen.

Szenische Lesung: Feuerwerk gegen das Patriarchat

Collagen-Gang

Mittwoch, 25.08., 21:30 Uhr

Musik, Texte und Videos wild zusammegeschnippelt zu einer Collage gegen das Patriarchat. Uns geht es hier nicht darum, die richtigen feministischen Codes zu lehren, mit denen sich dann profiliert werden kann. Wir wollen, dass unsere Tränen zusammen auf die Buchseiten von bell hooks und Laury Penny tropfen. Wir wollen, dass wir uns in den Armen halten und dem Patriarchat ganz mies in den Rücken fallen. Wir wollen neugierig, zweifelnd, unterwegs scheiternd und immer wieder neu hinterfragend, aber gemeinsam und mutig vorwärts stolpernd euch diesen schönen Abend bieten.

Szenische Lesung mit Ann-Katrin, Fabian, Janis und Katha

Stammgäste im Programm der Kantine

Vortrag: Imagine there’s no Gender

Veronika Kracher

Mittwoch, 25.08., 18:00 Uhr

Wer von Utopien in der Literatur spricht, bezieht sich damit in der Regel auf Thomas Morus’ Erzählung des fiktiven Staates „Utopia“ aus dem Jahre 1615. Dass bereits über 200 Jahre zuvor die italienische Autorin und Intellektuelle mit „Das Buch von der Stadt der Frauen“ eine protofeministische Utopieerzählung publiziert hatte, wird in dem nach wie vor patriarchal geprägten Literaturkanon meistens unterschlagen.
Dabei bieten gerade feministische Utopien einen faszinierenden Gegenentwurf zu den in der Regel allzu wenig auf das Geschlechterverhältnis bedachten Zukunftsvisionen männlicher Autoren. In ihnen allen gibt es ein wiederkehrendes Moment, das den Kern feministischer Theorie wiederspiegelt: Die Befreiung des Menschen muss zwingend mit der Befreiung von geschlechtlicher Unterdrückung einhergehen.

In dem im Magazin für Popkultur „Testcard“ publizierten Essay „Imagine there’s no Gender – Zur feministischen Utopie in der Literatur“ gibt die Autorin Veronika Kracher einen Überblick über die Geschichte der Utopieerzählungen, mit einem besonderen Fokus auf queere und feministische Werke, um letztendlich an dem Beispiel von Margaret Piercys „Women on the edge of time“ (1976) einen tieferen Einblick in einen der ihrer Ansicht nach wichtigsten sozialistisch-feministischen Science Fiction-Romane des 20. Jahrhunderts zu geben. Diesen Essay wird sie auf der Kantine vorstellen.

Veronika Kracher, 1990 in München geboren, beschäftigt sich mit der Incel-Subkultur, der Alt-Right, Imageboards wie 4chan und Rechtsterrorismus. Weitere Forschungsschwerpunkte sind Feminismus und Patriarchatskritik, Antisemitismus, Literaturtheorie und Popkultur. Regelmäßige Publikationen u. A. in »konkret«, »Jungle World«, »Neues Deutschland« und »Antifaschistisches Infoblatt«.

Vortrag: Differenz und Versöhnung: Silvia Bovenschens Kritik des Geschlechterverhältnisses

Robert Zwarg

Mittwoch, 25.08., 15:30 Uhr

Das Geschlechterverhältnis – sowohl das reale des Alltags als auch das imaginierte der Literatur und der bildenden Kunst – gehört zu den zentralen Themen in Silvia Bovenschens Schriften. Das Werk der 2017 verstorbenen Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Schriftstellerin wie auch ihr Verständnis von Feminismus zielte nie auf systematische Geschlossenheit. Es war stets Ausdruck denkerischer Freiheit statt politischer Programmatik. Entsprechend verstand Bovenschen auch die Kritische Theorie, die sie während ihres Studiums in Frankfurt am Main kennengelernt hatte und die ihre Texte prägte, nicht als Ticket oder dogmatisch zu rezitierende Lehre. Verwandt sind ihre Schriften der Kritischen Theorie, vor allem der Theodor W. Adornos, vielmehr in ihrem Gestus – dem Gestus eines Denkens, das die Utopie allenfalls in einer Herausarbeitung und Zuspitzung von Widersprüchen aufscheinen lässt. Das gilt auch für ihre Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis und dem Feminismus, dessen Aporie sie in “Die imaginierte Weiblichkeit” (1979) herausgearbeitet hat: Der Forderung nach Gleichheit auf der einen Seite, die als Maßstab immer nur jenen Zustand angeben kann, den der Mann schon innehat und das Beharren auf einer spezifisch weiblichen Andersheit, mit der der faktischen Geschichtslosigkeit der Frauen begegnet werden soll. Beide Positionen, so Bovenschen, greifen zu kurz und sind gleichermaßen ahistorisch; die eine vernachlässigt die realen Frauen zugunsten der Forderung nach einer bloßen Angleichung, die andere unterstellt ein sich ewig gleich bleibendes weibliches Wesen, das zu Weilen – wie von Herbert Marcuse – dann als per se antikapitalistisches überhöht werden kann. Der Vortrag möchte einerseits Silvia Bovenschens Analyse und Kritik des Geschlechterverhältnisses vorstellen und andererseits der Frage nach dem utopischen Moment in dieser Auseinandersetzung nachgehen – wenn es denn existiert.

Robert Zwarg ist Philosoph und Übersetzer und lebt in Leipzig. Derzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin. Im Wintersemester 2021/22 hat er die Gastprofessur für Kritische Gesellschaftstheorie an der JLU Gießen inne. Veröffentlichungen: „Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition“ (Göttingen 2017)

Lesung: Flexen

Mia Göhring & Sibylla Vričić Hausmann

Mittwoch, 25.08., 14:00 Uhr

Mit dem extra für dieses Buch erfundenen (bzw. angeeigneten) Wort “Flexen” schneidet die Anthologie ‘Flexen. Flâneusen schreiben Städte’ (2019) “eine Kerbe in das ursprüngliche Verständnis vom Umherwandeln in Städten”. Die Herausgeberinnen machen in ihrem Vorwort klar, dass Flanieren in der Literatur bisher von einer Perspektive geprägt war, die patriarchale Ordnungen reproduzierte. In Flexen ist das anders. “Kann eine verschleierte Frau mit Kind an der Hand eine Flâneuse sein? Kann ein Mädchen an der Hand seiner Mutter eine Flâneuse sein?” fragt z. B. Sibylla Vricic Hausmann in ihrem Beitrag “Feste Dinge”. Buchvorstellung und Lesung.

Sibylla Vričić Hausmann ist Schriftstellerin, Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und als Dozentin für Kreatives Schreiben tätig.