Vortrag: Die Neue Frau und das revolutionäre Selbst nach der Russischen Revolution

Elfriede Müller

Mittwoch, 25.08., 11:00 Uhr

Jonas A. Salkind besuchte auf Empfehlung von Alexandra Kollontai das Melodrama Der Verlobte im MAXIM. Mit anderen beliebten Melodramen der vorrevolutionären Jahre spielte es auch nach der Revolution weiter in den Kinos. Sie waren einfach zu beliebt. Gleichwohl wunderte sich der Genosse über die Empfehlung und fragte nach dem Grund. Kollontai antwortete: „Dass die junge Frau sich wehrt, und zwar nicht für sich selbst, sondern für die unschuldige Tote“, die von dem „Verlobten“ ermordet wurde. Diese Anekdote verdeutlicht, dass Alexandra Kollontai die Neue Frau in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens entdeckte, es nicht bei einer reinen Kritik der Verhältnisse beließ und nicht erwartete, dass sich diese allein durch ökonomische Unabhängigkeit herausbildete.

Mein Beitrag befasst sich mit Kollontais Entwürfen einer sozialistischen Lebensweise der neuen sowjetischen Frau ohne Familie, deren Realisierungsprobleme und anderen Beispielen von weniger bekannten Kommunistinnen, die von der Russischen Revolution geprägt und bereit waren, ihrer Ausbreitung ihr ganzes Leben zu widmen, wie z. B. Hilde Kramer, Babette Gross, Agnes Smedley, Metona Moser u.a. Diese Frauen sahen aufgrund der revolutionären Veränderung in Russland auch für sich selbst eine befreite Perspektive.

Elfriede Müller hat Geschichte und Literaturwissenschaften studiert, ist Mitbegründerin der jour fixe Initiative Berlin und seit 1994 Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum des Berufsverbands bildender Künstler_innen (BKK). Veröffentlicht hat sie zu linker Ideengeschichte, kritischer Theorie und Roman noir.

Vortrag: „Meine Mutti ist Abteilungsleiter, alle Tage steht sie ihren Mann …“ – Das Frauenbild in der DDR

Sabrina Zachanassian

Dienstag, 24.08., 18:00 Uhr

Vielen gilt noch heute die DDR-Frau als Inbegriff der Gleichberechtigung. Und tatsächlich sucht eine 91-prozentige weibliche Erwerbsquote und der legale Schwangerschaftsabbruch auch heute noch seinesgleichen. Bereits Mitte der 1970er Jahre konstatierte der sozialistische Staat die verwirklichte Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Frauen in der DDR seien finanziell unabhängig, ergriffen technische Berufe und wurden Bürgermeister – die Frau als sozialistisches Ideal und Aushängeschild! Wie jedoch wirkten sich die hohen Erwartungen des Staates an die Frauen auf ihren Alltag in der DDR aus? Ächzten die Frauen nicht vielmehr unter der enormen Mehrfachbelastung? Und wie beeinflusste die Rede von der Frauenunterdrückung als Nebenwiderspruch den Emanzipationsprozess? Diese und weitere Fragen sollen in der Veranstaltung diskutiert werden.

Vortrag: Prekäre Zeiten. Frauen* und die Durchsetzung des modernen Zeitbegriffs im späten Mittelalter

Johanna Tirnthal

Dienstag, 24.08., 15:30 Uhr

Bei Revolutionen wird gerne nicht nur der Kalender verändert, es wird auch auf die Uhren geschossen. Geht es dabei nur um den Kampf um weniger Arbeitszeit oder um mehr? Und was haben Frauen*, ihre Körper und die Reproduktionsarbeit damit zu tun?

Dieser Beitrag sucht Antworten auf diese Fragen am Übergang vom Mittelalter zur Frühen Neuzeit, wo schon Karl Marx, Silvia Federici und Michel Foucault allerlei Interessantes zutage gefördert haben. Irgendwo zwischen 1300 und 1600 setzt sich in Europa das durch, was wir heute als „abstrakten“, „modernen“ Zeitbegriff kennen: Zeit als etwas, das unabhängig von den Ereignissen gleichmäßig im Hintergrund fließt und das mit Uhren gemessen wird. Aber macht die Uhr allein schon die neue Zeit? Der Blick in die Frühe Neuzeit zeigt, dass die Uhren ihren Siegeszug in Europa nur in Verbindung mit der Lohnarbeit antraten. Die neue Zeitform ist untrennbar mit dem verbunden, was Karl Marx die „sogenannte ursprüngliche Akkumulation“ nennt. Diese wiederum betrifft, wie Silvia Federici zeigen konnte, nicht nur den männlichen Lohnarbeiter, sondern auch und gerade die Frauen*, denen am Ende des Mittelalters mit großer Gewalt die Kontrolle über ihre Arbeit und ihre Körper entzogen wird. Vielleicht entsteht mit dem historischen Wissen im Hintergrund ein neuer Blick auf heutige Kämpfe um Zeit?

Johanna Tirnthal ist freie Radio-Autorin, -Regisseurin und Kulturwissenschaftlerin. Sie entwickelt mit ihrem Kollektiv audiokombinat neue Hörformate und gestaltet für Deutschlandfunk Kultur, den WDR und Ö1 lange Radiofeatures über Philosophie, Literatur und soziale Bewegungen. Als studierte Film – und Kulturwissenschaftlerin ist sie irgendwie immer Historikerin im Herzen geblieben. „Prekäre Zeiten“ ist auch der Titel ihrer Masterarbeit aus dem Jahr 2017, auf der dieser Beitrag basiert.

Vernissage: Enflant

Marika Fleischhauer & Sibylla Vričić Hausmann

Montag, 23.08., 21:00 Uhr

“Enflant. E – N – F – L – A – N – T (aus d. Franz.): Kind, das durch die Straßen wandelt, flanierendes Kind. Das Enflant bewegt sich durch die Stadt. Es setzt einen Fuß vor den anderen. Einen Fuß, einen Schritt, im Wechsel, ein Trippeln, einen Fuß. Ein Hüpfer. Das Enflant hüpft und die Straße hüpft mit. Das Enflant lässt die Häuser tanzen. Lässt die Häuser Kopfstehen. Das Enflant teilt die Luft mit seinen Armen. Mit seinen Armen, bis es donnert. Das Enflant flaniert. Das Enflant flext. Es hält die Stadt mit der Kamera fest.” – Christine de Pizan baut allegorisch eine Stadt der Frauen, die Schutz vor misogynen Angriffen bietet. Walter Benjamin beschreibt den Flâneur als von und in der Stadt berauschte, gestaltende Figur. Die Videoinstallation “Enflant” bringt diese Perspektiven zusammen. Wie könnte sich das Enflant die Stadt zu eigen machen, Steine erweichen, seine Umgebung umdeuten, ohne aufgrund seines Kindseins oder seines Geschlechts gemaßregelt zu werden?

Video: Marika Fleischhauer; Text: Sibylla Vričić Hausmann

Marika Fleischhauer bewegt sich mit ihren Arbeiten an der Schnittstelle von Grafikdesign und Videokunst, hat Textildesign in Schneeberg studiert und lebt in Leipzig. Sibylla Vričić Hausmann ist Schriftstellerin, Absolventin des Deutschen Literaturinstituts Leipzig und als Dozentin für Kreatives Schreiben tätig.

Vortrag: Utopisches Denken im Spätmittelalter? Christine de Pizans Buch von der Stadt der Frauen (1405)

Margarete Zimmermann

Montag, 23.08., 18:00 Uhr

Die Franko-Italienerin Christine de Pizan (~1364-~1430) gehört heute zu den meistgelesenen Autor:innen des europäischen Mittelalters, vor allem dank ihres erst seit den 1970er-Jahren wiederentdeckten und in viele Sprachen übersetzten Buchs von der Stadt der Frauen (Le Livre de la Cité des Dames), eine fulminante Streitschrift gegen misogyne hate speech und eine Verteidigung des weiblichen Geschlechts, dargestellt als die Geschichte der Errichtung einer imaginierten Stadt aus ‚Bausteinen’ besonderer Art. Außerdem hat Christine de Pizan von 1400–1429 ein ebenso umfangreiches wie vielfältiges Werk geschaffen, dessen Hauptanliegen ein politisches, erzieherisches und reformerisches ist. Ihre Schriften hatten eine europäische Verbreitung, sie war eine aktive Kulturvermittlerin zwischen Frankreich und Italien und eine Autorin, die mit Hilfe zahlreicher Selbstdarstellungen ihr eigenes Bildgedächtnis geschaffen und damit entschieden zum Erfolg ihrer Werke beigetragen hat.

In meinem Vortrag im Rahmen des Chemnitzer Festivals Kantine geht es zunächst um ihr Buch von der Stadt der Frauen als eine (Raum)Utopie besonderer Art sowie ferner – nach einem Blick auf ihre Wirkungsgeschichte seit dem 19. Jh. – um die Frage, ob und weshalb wir sie heute als Feministin verstehen können.

Margarete Zimmermann ist eine deutsche Romanistin und emeritierte Hochschullehrerin. Sie übersetzte und veröffentlichte das Christine de Pizans Buch von der Stadt der Frauen.

Foto: Die schreibende Christine de Pizan. Ms. Harley 4431, fol. 3v.© British Museum

Fit für die Kantine 4: Mathilde Franziska Anneke

Kantinenvorbereitung, nächste Runde: Daniel Meßner und Richard Hemmer haben vor Kurzem in einer Folge ihres Podcasts Geschichten aus der Geschichten Mathilde Franziska Anneke (1817 – 1884) vorgestellt. Die Schriftstellerin, Journalistin und Aktivistin war in Deutschland während der Revolution von 1848 aktiv und gehörte nach ihrer Auswanderung und die USA zu den wichtigsten Personen der US-amerikanischen Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts.

Demnächst veröffentlichen wir übrigens unser Programm. Vorfreude!

Fit für die Kantine 3: Die Revolte beginnt auf Gut Holmecke

Über Utopien nachzudenken heißt nicht zuletzt, die Gegenwart verstehen zu wollen. Der Podcast „Die Revolte beginnt auf Gut Holmecke“ wählt als Format dafür persönliche Interviews . Die erste Staffel besteht aus Gesprächen mit den Teilnehmer:innen einer Kur und nimmt persönliche Erfahrungen mit weiblicher Sozialisation in den Fokus. Die aktuelle zweite Staffel nähert sich dem Komplex „Männlichkeit“ an. Mittlerweile kamen 20 Menschen in fast 30 Folgen zu Wort.

Hier findet ihr die aktuelle Folge:

Fit für die Kantine 2: Niegeschichte

Spoiler: Bei der Kantine »de Pizan« wird es auch um Science Fiction gehen. Jemand, der über das Thema nicht nur viel nachgedacht, sondern selbst einige Romane geschrieben hat, ist Dietmar Dath. Letztes Jahr war er beim Dissens-Podcast zu Gast, um über sein mehr als 900 Seiten langen Essay über SF mit dem Titel „Niegeschichte“ zu sprechen. Er erläutert unter Anderem, wie das Genre (potentiell) den gesellschaftlichen Status Quo in Frage stellt.

Fit für die Kantine 1: „Ein Stachel im System?“

Bis zur Kantine »de Pizan« werden wir immer wieder Audiobeiträge, Texte etc. teilen, die auf die Inhalte des Festivals vorbereiten (Vorschläge nehmen wir gerne entgegen). Den Auftakt macht das Audiofeature „Ein Stachel im System? Zum emanzipatorischen Gehalt von DDR-Frauenzeitschriften“ von der feministischen Bibliothek MONAliesA aus Leipzig. Welche offizielle Geschlechterpolitik in der DDR verfolgt wurde, welche Möglichkeiten und Unmöglichkeiten zur Emanzipation von „Heim und Herd“ existierten und welche Rolle Frauenzeitschriften wie Sybille, Für Dich oder Zaunreiterin dabei einnahmen, wird in Form von Zeitzeuginneninterviews untersucht. Viel Spaß beim Hören!

Kantine »de Pizan« | 23. bis 29. August 2021

„Dir wird auf diese Weise vor allen anderen Frauen das Vorrecht zuteil, die Stadt der Frauen zu errichten […] Ich, gleich einer Weissagerin, prophezeie dir, daß die Stadt, die du mit unserer Hilfe gründen wirst, weder Zerstörung noch Verfall erleben wird, vielmehr, all ihren mißgünstigen Feinden zum Trotz, über alle Zeiten hinweg blühen und gedeihen wird.“ (Christine der Pizan: Das Buch von der Stadt der Frauen, Erstes Buch, Kapitel IV)

Es ist soweit – die Vorbereitungen zum vierten Kantine-Festival sind in vollem Gange. Dieses Jahr legen wir den Fokus nicht mehr ausschließlich auf das Leben und Werk einer einzelnen Person. Stattdessen gilt es – ausgehend vom Schaffen Christine de Pizans* – verschiedene Facetten und historische Kontexte feministischer Utopien zu beleuchten. De Pizan nimmt dabei die Rolle als Vordenkerin ein. Damit kommt es zwar nach Marx, Luxemburg und Benjamin zu einem chronologischen Bruch, die Verbindung gelingt jedoch über den Begriff der Utopie: Wir springen mit den Schriften de Pizans in das Spätmittelalter zurück. Von dort aus nähern wir uns dann der Genese von Feminismus und Utopie bis in die Gegenwart und Zukunft hinein. Entsprechend beginnt das Festival mit einer Einführung zu Christine de Pizan und ihren Tätigkeiten. Im Verlauf der Woche widmen wir uns dann verschiedenen literarischen, filmischen und politischen Entwürfen für eine befreite Gesellschaft jenseits herkömmlicher Kategorien. Wir befassen uns mit der Kritik am Patriarchat in seinen verschiedenen historischen Gestalten sowie an geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und Sozialisation im Kapitalismus, einigen Perspektiven auf feministische Stadtentwürfe und vielem mehr.

Wie gewohnt erwartet euch ein volles Programm mit Theorievorträgen, Workshops und Diskussionen. Neben solch klassischen Formaten werden auch andere Zugänge zur Thematik eröffnet, z.B. durch Performances, Filme, eine Schreibwerkstatt und andere Auseinandersetzungsformen, denn: Utopisches Denken findet nicht nur Ausdruck in Theorie und Diskussion, sondern vor allem auch in Bildern und Imaginationen.Auch dieses Jahr stehen wir vor der Herausforderung, ein Festival im Rahmen der Pandemie so sicher und angenehm wie möglich für alle Beteiligten zu gestalten. Wir sind bereits dabei, ein entsprechendes Hygienekonzept zu erarbeiten. Eine absolute Planungssicherheit ist uns allerdings aufgrund der aktuellen Lage nicht möglich. Wir werden euch dennoch regelmäßig auf unserer Website oder via Social Media auf dem Laufenden halten. Wir planen außerdem unser Online-Angebot auszubauen, um eine Teilnahme an Teilen des Festivals von zuhause aus zu ermöglichen. Wir freuen uns darauf, euch zur Kantine »de Pizan« begrüßen zu dürfen!

Christine de Pizan (1364 – 1429) war eine Schriftstellerin des Spätmittelalters. Ihre literarische Karriere begann aus der Not heraus, ihre Familie nach dem Tod ihres Mannes zu ernähren. Die schwierigen Verhältnisse einer alleinerziehenden Frau in der damaligen Zeit hielten sie nicht davon ab gegen eine ungerechte Männerwelt anzuschreiben. Dadurch beeinflusst waren die Themen ihrer ersten Werke Traurigkeit und Isolation sowie die Gefahr einer außerehelichen Liebe für Frauen. Im Laufe ihres Lebens entwickelte sich Pizan zu einer der ersten französischen Berufsschriftstellerinnen und Verlegerinnen Frankreichs. Sie positionierte sich in ihren Texten für ein friedliches Frankreich, gegen einen drohenden Bürgerkrieg sowie gegen die misogynen Ansichten ihrer Zeitgenossen. Ihr am meisten rezipiertes Werk, „Das Buch von der Stadt der Frauen“, ist gleichzeitig auch das am stärksten vernachlässigte aus der Gattung der literarischen Utopien. Darin hegt die Ich-Erzählerin Christine aufgrund frauenfeindlicher Polemiken Selbstzweifel, wird aber von Allegorien, die zeitgenössische Tugenden symbolisieren, in die „Stadt der Frauen“ geführt, in der Gleichgesinnte unbescholten vor patriarchaler Zurichtung leben können.