Vortragsgespräch: Walter Benjamin und das Institut für Sozialforschung. Eine ambivalente Beziehung

Alexandra Ivanova

Mittwoch, 28.08. 18:30 Uhr

Walter Benjamins Tätigkeit für das Institut für Sozialforschung, das 1923/24 von Felix Weil et al. in Frankfurt am Main gegründet wurde, ist weithin bekannt und etablierter Teil seiner offiziellen Lebensbeschreibung. Das Institut war die einzige offizielle Institution, zu der Benjamin eine Verbindung fand, und war für seine letzten Jahre im Exil existentiell wichtig, da das Instituts-Honorar seine einzige regelmäßige Einnahmequelle bildete. Zugleich zeichneten sich im Verlauf der Zusammenarbeit Schwierigkeiten ab: inhaltlicher Art, am markantesten ausgedrückt in der Ablehnung des Baudelaire-Essays durch das Institut; aber auch materieller Art, was besonders in den Briefen Benjamins mit Adorno, zu dem er eine schwierige persönliche Beziehung führte, und Horkheimer zunehmend zum Tragen kommt.
In meinem Vortragsgespräch möchte ich zunächst einen groben historischen Überblick über die Etappen der Mitarbeit Benjamins am Institut für Sozialforschung mit Fokus auf seine materielle Situation geben, um anschließend in einem close-reading einiger, aus meiner Sicht relevanter Briefe (mit Adorno, Horkheimer) der Jahre 1939/40 möglichen Konflikten zwischen Benjamin und dem Institut auf die Spur zu kommen. Welche Lesarten lassen sich entwickeln, wenn wir uns von der tradierten Sichtweise, das Institut hätte alles dafür getan, Benjamins Leben zu retten, frei machen? In welchem Verhältnis sah sich Benjamin zu einzelnen Mitgliedern des Instituts – und welche Erklärungen dafür können aus dem Briefmaterial rekonstruiert werden? Gemeinsam Lesarten zu spinnen und miteinander darüber zu diskutieren, soll Ziel meines als Gespräch angelegten Vortrags sein.

Alexandra Ivanova ist Soziologin, Übersetzerin und Autorin. Als Teil der AG Soziologie des Geistes (Frankfurt am Main) gab sie 2019 den Sammelband „Soziologie des Geistes. Grundlagen und Fallstudien zur Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts“ mit heraus. Ihre aktuelle Forschung kreist um die Institutionsgeschichte der Frankfurter Schule. Essays u.a. in outside the box, PS – Politisch Schreiben und auf other-writers.de.

Vortrag: Zum Verhältnis von jüdischem Messianismus und historischem Materialismus bei Walter Benjamin.

Die ‚geschichtsphilosophischen Thesen‘, gelesen als ein Projekt Säkularisierter Theologie.

Charlotte Trottier

Mittwoch, 26.08., 18:30 Uhr

Sowohl in der neueren als auch in der traditionellen Forschungsliteratur lässt sich beobachten, dass in der Beschäftigung mit dem Werk Walter Benjamins oft eine Unterscheidung zwischen‚ dem historischen Materialisten‘ und ‚dem jüdischen Mystiker‘ Benjamin vollzogen wird. Diese Unterscheidung ist nicht nur zurückzuführen auf spezifische Strömungen in der Rezeptionsgeschichte Walter Benjamins, die in ihrer ersten Generation am prominentesten mit den Namen Theodor W. Adorno einerseits und Gershom Scholem andererseits verknüpft sein dürfte. Vielmehr – so eine zentrale These des Vortrags – ist sie auch Resultat einer scheinbar natürlichen Distanz, die die historisch-materialistische Forschung zur Theologie einnimmt. Umso ungewöhnlicher scheint es in diesem Kontext, dass Benjamin nicht nur in seiner ersten geschichtsphilosophischen These explizit eine Verknüpfung beider Elemente vornimmt, mit dem Ziel, den historischen Materialismus aus jener Starre zu befreien, in welche er etwa nicht nur im theoretischen Prophetismus Kautskys oder einer vulgär-marxistischen Zwei-Stufen-Theorie, sondern auch ganz real in der Nacht vom 23. auf den 24. August 1939 hineinmanövriert wurde. Die Beschäftigung mit dem Theologischen ist dabei keine zufällige: Benjamin, der seine Thesen in Anknüpfung an seine Verhaftung in Frankreich auch als Antwort auf den Hitler-Stalin-Pakt formulierte, knüpft im Angesicht der Katastrophe an eine Denktradition jüdisch-deutscher Linksintellektueller an, die sich bis zu Karl Marx und Moses Hess zurückverfolgen lässt, und versucht, jüdisch-messianische Motive zu säkularisieren und für eine Kritik des Wirklichen fruchtbar zu machen.

Dieser Rückgriff auf jüdisch-messianische Elemente in Verbindung mit Benjamins historisch-materialistischer Geschichtsphilosophie soll im Rahmen des Vortrags dargestellt und auch im Hinblick auf seine möglichen Auswirkungen auf den Begriff der Aufklärung, der die späteren Überlegungen der Frankfurter Schule nachhaltig prägen sollte, rekonstruiert und diskutiert werden.

Charlotte Trottier (Universität Leipzig / Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur – Simon Dubnow)

Vortrag: 1968 – Walter Benjamins Nachleben im Panorama eines Jahres

Robert Pursche

Mittwoch, 26.08., 11 Uhr

1968 entbrannte eine öffentliche Debatte um Walter Benjamin, die schon länger in der Luft lag. Es ging dabei vor allem um keineswegs neue Deut-ungskämpfe, die sich um Benjamins Verhältnis zum Marxismus drehten und in der hitzigen Atmosphäre der Revolte an Schärfe gewannen. Daneben gab es aber auch noch andere, scheinbar randständigere Konflikte um Benjamin. Insbesondere handelte es sich dabei um Auseinandersetzungen um den Zugang zu jenen Archivbeständen Benjamins, die bei Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main und im Deutschen Zentralarchiv in der DDR lagen. Im Jahr 1968 verstärkten sich diese theoretischen und politischen Kämpfe um Benjamins Nachleben im geteilten Deutschland wechselseitig und auf folgenreiche Weise. Im meinem Vortrag sollen verschiedene Schauplätze dieser Kontroversen um Benjamin besichtigt werden: Feuilletonbeiträge und Korrespondenzen, Verlagsbesprechungen und Redaktionssitzungen, Universitäten und Archivräume, Buchmessen und Stasi-Berichte.

Performance: „Leben im Spiel“

Jolande Fleck

Freitag, 28.08., 21:30 Uhr

„Die Komödie […] ist ein Spiegel in silbernem Rahmen. Mag er noch so viel Ungeformtes und Trübes der heutigen Gesellschaft spiegeln, ein anmutig gehämmertes Metall umschließt ihn, und am Ende hält der, dessen Blick darauf fällt, ihn nicht für einen Spiegel sondern für ein Gemälde.“

(Wilhelm Speyer im Rundfunkgespräch mit Walter Benjamin 1930)

Vor dem Hintergrund Walter Benjamins mannigfaltiger Interessengebiete und vielfältigen Formaten diese zu reflektieren, entsteht der Eindruck sein Schaffen sei nicht allein auf Erkenntnisinteresse und reale Veränderungen abzielende Praxis. Ein Motiv seiner Arbeit scheint ebenso die Lust am Spiel, das Austarieren von Möglichkeiten und der Spaß an manchmal auf den ersten Blick Trivialem zu sein. Die Zusammenarbeit mit seinem Freund Wilhelm Speyer und insbesondere die Gesellschaftskomödie Es geht. Aber es ist auch danach!, in der eine Dreiecksbeziehung verhandelt wird, gibt davon eindrücklich Zeugnis. Während seitens der zeitgenössischen Kritik „am peinlichsten die […] Bagatellisierung des Mannes empfunden wurde, der fast seelenlos und ohne eigene Impulse von den beiden Frauen herüber und hinüber verhandelt wird“ stellt Jolande Fleck im Rahmen der Kantine Benjamin das Stück als Hommage und zugleich Kritik am modernen Fortschritt der 1920er vor und spürt unter Rückgriff auf Bild und Ton kultur- und gesellschaftskritischen Aspekten nach, die sich in Es geht. Aber es ist auch danach! verbergen.

Vortag: Naturbeherrschung und Emanzipation. Kritische Theorie über die Verdinglichung der Natur

Dirk Lehmann

Freitag, 28.08., 15:30 Uhr

Kritische Theorie, von Max Horkheimer und anderen begründet, begreift sich als die intellektuelle Seite eines Emanzipationsprozesses, der nicht weniger als das Glück Aller zum Ziel hat. Als solche betrachtet kritische Theorie immer auch gesellschaftliche Naturverhältnisse; Verhältnisse, die sie als die Natur verdinglichende, auf Naturbeherrschung zielende kritisiert. Insbesondere im Hinblick auf die Beherrschung der Natur wird der Einfluss des Denkens Walter Benjamins auf Horkheimer und andere deutlich. Gegen die Beherrschung der Natur drängt eine kritische Theorie der Gesellschaft darauf, dass allein eine auf Versöhnung von Mensch und Natur zielende Organisation des gesellschaftlichen Lebens eine wirklich emanzipatorische Perspektive bietet.

Dirk Lehmann hat in Duisburg und Bielefeld die Soziologie studiert. Er arbeitet gegenwärtig über die Entstehung und Entwicklung der kritischen Theorie und veröffentlicht unregelmäßig im Kritiknetz – Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft (kritiknetz.de).

Eröffnungsvortrag: Zweideutigkeiten. Walter Benjamin und die tiefsten Schächte des Alltäglichsten

Robert Zwarg

Montag, 24.08, 18:30 Uhr

Theodor W. Adorno hat seinen Freund Walter Benjamin einmal als einen Magier beschrieben, „mit einem sehr hohen Hut und mit einer Art von Zauberstock.“ Zwar liegt darin bereits das Element des verkitscht Romantischen, das aus der späteren Benjamin-Rezeption nicht weg-zudenken ist – ebenso wenig wie stilisierende Vereinseitigungen als Revolutionär, Mystiker oder Vorläufer des Poststrukturalismus. Und dennoch trifft Adornos Charakterisierung etwas Entscheidendes an Benjamins Denken, das vor dem Hintergrund der Schalheit zeitgenössischer Philosophie und Kulturtheorie gar nicht genug betont werden kann: die Fähigkeit, wie mit Zauberhand aus dem Nächsten den Funken des Fernsten zu schlagen und, mit anderen Worten, das Alltäglichste zum Material seiner Denkbilder zu machen. Der Vortrag wird Walter Benjamin, der sich vor 80 Jahren an der französisch-spanischen Grenze auf der Flucht vor den Nationalsozialisten des Leben genommen hat, als Physiognom des Alltags vorstellen, als aufmerksamen Kritiker einer Sphäre, die ihre Geltung gerade daraus bezieht, das sie als selbstverständlich erscheint.

Robert Zwarg ist Philosoph und Übersetzer und lebt in Leipzig. Derzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin. Veröffentlichungen: „Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition“ (Göttingen 2017)

Vortrag: Versuch, mit Walter Benjamin den Nationalsozialismus zu verstehen

Nikolas Lelle

Donnerstag, 27.08., 15:30 Uhr

Als Walter Benjamin sich im September 1940 auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in Portbou das Leben nahm, war das Konzentrationslager in Auschwitz erst wenige Wochen eröffnet. Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gab es noch nicht. Es fehlt daher in seinen Schriften ein Bezug auf das „Nervus rerum“ (Detlev Claussen) der Kritischen Theorie der Nachkriegszeit: die Shoah; oder wie Theodor W. Adorno es schlicht nannte: Auschwitz. Das könnte ein Grund sein, warum in der Folge nur selten versucht wurde, mit Walter Benjamin den Nationalsozialismus zu verstehen. In seinem Werk fehlt schlicht das, was sich später überdeutlich als der Kern der nationalsozialistischen Politik zeigte: der eliminatorische Antisemitismus.

Aber der Nationalsozialismus war bereits seit zwei Jahrzehnten eine politische Kraft in Deutschland und seit mehr als sieben Jahren an der Macht. Was nach Benjamins Tod folgte, der Versuch der systematischen Vernichtung des europäischen Judentums, zeichnete sich bereits ab. Es finden sich daher, das will dieser Vortrag zeigen, in Benjamins Texten Überlegungen und Passagen, die helfen beim Versuch, den Nationalsozialismus zu verstehen.

Die Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ etwa, Benjamins letztem Text, der erst posthum veröffentlicht wurde, sind fast schon auf prophetische Art eine Absage an die bürgerliche Forschrittsgläubigkeit. Geschichte, so erscheint sie Benjamins Angelus Novus von Paul Klee hier, ist „eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft“. Seine Ge-schichtsthesen können ohne den damaligen Siegeszug des National-sozialismus nicht verstanden werden. In seinem wohl berühmtesten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ schreibt Benjamin – fast im Vorbeigehen – einen Satz, der das Verhältnis des Nationalsozialismus zur Arbeiterschaft treffend charakterisiert: Der Masse, so Benjamin, sei zu ihrem Ausdruck, aber nicht zu ihrem Recht verholfen worden. In einem deutlich früheren Aufsatz von Benjamin, „Zur Kritik der Gewalt“, fand der Literaturtheoretiker Werner Hamacher eine Dichotomie, mit der er versuchte, den Nationalsozialismus zu verstehen: Öffnung und Schließung. In einem bahnbrechenden Aufsatz mit dem Titel „Arbeiten Durcharbeiten“ bezog er diese Dichotomie auf die nationalsozialistische Arbeitsauffassung.

Benjamins Philosophie enthält also eine Fülle von Erkenntnissen, die es lohnt für eine Erforschung des Nationalsozialismus zu Rate zu ziehen. Dieser Vortrag stellt dafür einen ersten Versuch dar.

Workshop: Einführung zu Walter Benjamin

Janis Walter

Dienstag, 25.08, 11 Uhr

Eigenwillig! Der Versuch einer Charakterisierung Walter Benjamin würde zu einem solchen Begriff führen. Seine Interessen galten jüdischer Mystik und Schneekugeln, marxistischer Theorie, Kinderspielzeug und französischer Literatur. Ohne selbst akademisch Erfolg gehabt zu haben, ist er einer der meist zitiertesten Autor*innen des 20. Jahrhunderts. Diese Scherben seines Interesses lassen sich nicht zu einem einheitlichen Bild zusammenfügen, genauso wie sein Werk unabgeschlossen geblieben ist.
Wir wollen mit kurzen blitzlichtartigen Einblicken in sein Werk eine Annäherung an Walter Benjamin versuchen. Vorkenntnisse sind deshalb explizit nicht notwendig.

Janis Walter schließt gegenwärtig sein Masterstudium mit einer Arbeit in Anlehnung an Walter Benjamins Passagenwerk ab. Mit der Arbeit fragt er sich auch, wie Philosophie anders als in einem Buch dargestellt werden kann und entwickelt daher gerade aus ihr eine Ausstellung.

Workshop: Der Autor als Produzent

Frank Voigt & Peshraw Mohammed

Samstag, 29.08., 15:30 Uhr

Der „Autor als Produzent“ (1934) ist eine von Benjamin politisch engagiertesten Arbeiten. In dem als Vortrag konzipierten Text argumentiert Benjamin, dass die richtige politische Position eine bestimmte literarische Tendenz einschließe. Benjamin verwendet dafür einen bestimmten Begriff der (literarischen) „Technik“ und der „Umfunktionierung“. Wir wollen nach kurzen Inputs auf deutsch und englisch mit Euch über folgende Fragen anhand des Texts diskutieren: was ist das für ein Begriff von Technik, auf den Benjamin sich bezieht? Wie lässt sich das Verhältnis Autor als „Produzenten“ zu einem Klassenbewusstsein verstehen? Wir sind offen für alle weiteren Fragen und empfehlen die Lektüre des Vortrags vorab (Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Bd. 2., S. 683-701).

Peshraw Mohammed ist freiberuflicher Autor und Übersetzer aus Irakisch-Kurdistan, zurzeit lebt er in Deutschland. Peshraw arbeitet über die Beziehung zwischen Ästhetik und Politik u.a. bei Walter Benjamin und Siegfried Kracauer. Er hat Benjamins Vortrag „Der Autor als Produzent“ 2012 ins Kurdische übersetzt.

Frank Voigt hat an der Universität Potsdam studiert und sich in seiner gerade abgeschlossenen Promotion mit den Veränderungen in Benjamins intellektuellem Selbstverständnis und seiner Auffassung von Kritik in den 1920er und 1930er Jahren beschäftigt.

Den Text „Der Autor als Produzent“ findet ihr hier

Kantinen-Update

Good News: Nachdem wir wegen COVID-19 lange überlegt haben, ob das Kantine-Festival 2020 stattfinden kann, haben wir uns zu einem „ja“ entschlossen. Die Kantine »Benjamin« ist vom 24. – 30. August im Subbotnik angesetzt. Wir freuen uns also auf eine Woche intensiver Auseinandersetzung mit Walter Benjamin.

Natürlich können wir nicht in die Glaskugel schauen und müssen deswegen alles unter Vorbehalt ankündigen. Wir arbeiten an einem Hygienekonzept, dass allen eine entspannte Teilnahmen ermöglichen soll. Inwiefern Verpflegung, Übernachtungsmöglichkeiten oder Kinderbetreuung angeboten werden können, ist derzeit noch nicht klar. Wir halten euch auf jeden Fall auf dem Laufenden.

Bis dahin: Bleibt ruhig und heiter, trotz alledem! (ganz nach Luxemburg)