Vortrag: Für eine utopistische Realpolitik: Zum Verhältnis von Utopie, Sozialwissenschaft und Politik in den gesellschaftlichen Kämpfen um andere Produktions- und Geschlechterverhältnisse.

Tino Heim

Samstag, 28.08., 15:30 Uhr

In der Sprache parlamentarischer Politik fungiert der moderne Utopiebegriff seit dem 19. Jh. bevorzugt als negativ besetzter Kampfbegriff. Utopien werden als „irrational“, „naiv“, „weltfremd“ und „illusorisch“ eingeordnet und in einen Gegensatz zur vermeintlich rationalen „Realpolitik“ aber auch zur „rationalen Wissenschaft“ gestellt. Vor dem Hintergrund dieser problematischen Entgegensetzung geht der Beitrag davon aus, dass gerade in gesellschaftlichen Krisen und Transformationsperioden jede realistische Politik und jede kritische Sozialwissenschaft notwendig utopische Momente und Überschüsse voraussetzt. Denn erst wo die in gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen angelegten und zugleich blockierten Möglichkeiten anderer Formen gesellschaftlicher Beziehungsweisen konkret bestimmt werden, lassen sich auch Ziele, Entwicklungspfade und Ansatzpunkte für realistische politische Kämpfe diskutieren. Demgegenüber agiert eine sogenannte ‚Realpolitik‘ der Verwaltung und Verteidigung des Status Quo, gerade weil sie Utopien systematisch ausschließt, gegenüber zugespitzten sozialen, ökonomischen und ökologischen Transformationszwängen notwendig irrational. Dies gilt auch und gerade für das Feld der kapitalistischen Geschlechterverhältnisse und der Geschlechterpolitiken. Denn in ihrer engen Verschränkung mit zentralen Modi der Trennung von produktiver und reproduktiver Arbeit, von Natur und Gesellschaft, von öffentlich und privat, von Rationalität und Emotionalität etc., bilden die vergeschlechtlichende Arbeitsteilung und die um eine klare heterosexuelle Geschlechterpolarität zentrierten Wissensordnungen ein Schlüsselmoment kapitalistischer Produktion-, Herrschafts- und Naturverhältnisse. Sie sind daher auch ein zentraler Einsatz in den Kämpfen um die Erhaltung, Veränderung oder Überwindung dieser Verhältnisse.

Tino Heim (Dr. phil.) ist Sozialwissenschaftler mit Arbeitsschwerpunkten in der Kritik der politischen Ökonomie, der kritischen Diskursanalyse, der Geschlechtersoziologie sowie der sozialen Bewegungs- und Transformationsforschung. Die Genese und der krisenhafte Wandel der Formen kapitalistischer Vergesellschaftung sowie die darum zentrierten Wissensordnungen und Kämpfe bilden das verbindende Element vielfältiger Forschungsinteressen. Aktuell arbeitet er im Rahmen des BMBF Verbundprojektes „Dinge und Sexualität. Produktion und Konsumtion im 20. und 21. Jahrhundert“ am Institut für Soziologie der TU Dresden.

Männer verprügeln

Samstag, 28.08., 14:00 Uhr

Dieser Kickboxworkshop soll die Gelegenheit bieten, sich nach dem WUTopie-Workshop ein wenig Luft zu verschaffen und überhaupt nach dem vielen Input einmal den Kopf freizubekommen. Gemeinsam werden wir einige Grundtechniken durchgehen und uns nach Belieben auspowern. Alle sind willkommen, unabhängig von den Vorkenntnissen. Und Männer kriegen (hier) auch nicht auf die Nase, solange sie das nicht wollen, versprochen!

Lesung und Schreibwerkstatt: Femtopie – Orte ohne Männer

Cosima Langer & Carolin Blauth

Samstag, 28.08., 11:00 Uhr

SCUM – Society for Cutting Up Men, so nannte Valerie Solanas in den 1960er Jahren die aktivistische Gruppe, die sie mit ihrem Manifest herbeischreiben wollte. Angetrieben von ihrer Wut über gesellschaftliche Ungleichheit kommt Solanas zu dem Schluss, dass an all der Gewalt und Unterdrückung Männer schuld sind – also müssen sie weg!


Der Wunsch nach feministischer Organisierung ohne Männer findet sich auch an anderer Stelle: Das Frauenkollektiv Libreria delle Donne in Mailand betreibt seit den 1970ern einen Buchladen und schreibt gemeinsam darüber. Sie organisieren sich ohne Männer, um jenseits patriarchaler Strukturen Beziehungen zwischen Frauen neu zu (er)leben und zu theoretisieren – eine Heterotopie?

In einer fragmentarischen Lesung wollen wir uns aus verschiedenen Richtungen dem Motiv einer feministischen Utopie als einem Ort ohne Männer annähern. Dabei ist eine zentrale Frage, welche Rolle Wut bei der Imagination von Sehnsuchtsorten und ihrer Verwirklichung spielen kann. Als kulturelle Figur ist die männerhassende Feministin sehr präsent, doch in der Realität gehen Hass und Gewalt viel häufiger von Männern aus. Die Wut von Frauen wird übertreiben und diffamiert. Inwiefern ist daher das Aneignen feministischer Wut utopisch?

In einer kurzen Schreibwerkstatt sollen die Teilnehmenden dieser Frage von der Lesung inspiriert nachgehen und ihre feministische Wutopie anhand eigener Erfahrungen entwickeln. Die Erzeugnisse sollen dann als ad hoc Ausstellung aufgehängt werden, die von allen bei einem Rundgang gelesen werden können.

Performance: Als sie erwachte, fehlte die Wolke. 88

Prof. em. Ulrike Brummert, docteure d’État, Ursel Schmitz, Ria ÜbÜ & Formation Ent_Rüstet

Freitag, 27.08., 21:30 Uhr

Utopie Mensch muss entziffert werden, und wenn ich schreibe, erinnere mich dieses Entwurfes.
Irmtraud Morgner

Sehen wir mal vom WASSER ab, sind LIEBE & ARBEIT bzw. ihre Gegenpole Nicht_Liebe gleich Hass und das Fehlen ökonomischer Lebensbedingungen die zentralen Determinanten menschlicher Existenz.

Sie entscheiden über unsere Verortung:

SEIN im Bleiben_Gehen_Fliehen_Suchen_N eu_Bleiben.

Irmtraud Morgner (22. August 1933 – 6. Mai 1990) aus Chemnitz Hilbersdorf konzentrierte sich in ihrem philosophisch_schriftstellerischen Schaffen genau darauf, d. h. auf Entwürfe wahrhaften Menschseins, das seine Quellen im selbstbestimmten Lieben der dichtenden Frauen des okzitanischen Mittelalters (les trobairitz), der utopisch Hoffenden, sozialistisch Agierenden sucht, zugleich betreibt sie unerschrocken die eigenverantwortliche Weiterentwicklung dieser Gesellschaftsentwürfe.

Vortrag: Feministische Kämpfe um die Wohnungsfrage

Eva Kuschinksi

Freitag, 27.08., 18:00 Uhr

Die Wohnungsfrage, wie wir sie heute kennen, ist mindestens so alt wie die (kapitalistische) Urbanisierung selbst. Und wie Engels in seiner Polemik zur Wohnungsfrage feststellt, „sie hat alle unterdrückten Klassen aller Zeiten ziemlich gleichmäßig betroffen“ (Engels 1973 1872: 213). Im Zentrum dieser Frage steht im Kapitalismus der Widerspruch zwischen der Verwertbarkeit der, oft als Ware gehandelten, Wohnung und der alltäglichen Wiederherstellung des Lebens. Historisch hat sich die Wohnung nämlich zum Ort der Reproduktion entwickelt. Entlang der (binär konstruierten) gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse und vergeschlechtlichter Arbeitsteilung fällt die Aufgabe der alltäglichen Reproduktion in den Bereich der Frauen*arbeit. Als Ware und Reproduktionsort zugleich ist die Wohnung auch Schauplatz zahlreicher gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und feministischer Kämpfe.

Im Vortrag werden – nach einer theoretischen Einführung – schlaglichtartig historische Beispiele feministischer Utopien und Kämpfe rund ums Wohnen besprochen. Was können wir heute von den historischen Kämpfen lernen und wie setzen sie sich heute fort? Wie kann Wohnen als gesellschaftliches und feministisches Thema heute verhandelt werden? Mit diesen Fragen schließt der Vortrag bzw. gibt ein paar Impulse für die anschließende Diskussion.

Eva Kuschinski ist Stadtforscherin, wohnt und arbeitet in Hamburg und forscht dort zum Verhältnis von angespanntem Wohnungsmarkt und der Situation in den Frauenhäusern sowie zu feministisch-materialistischen Lesarten der Wohnungsfrage. Sie ist u. a. aktiv im AK Feministische Geographien und der Mittelbau-Ini Hamburg.

Vortrag: »Wenn das Baby schreit, dann möchte man doch hingehen« Ein feministischer Blick auf Arbeit, Freiwilligkeit und Bedürfnis in aktuellen linken Utopieentwürfen

Heide Lutosch

Freitag, 27.08., 15:30 Uhr

Eines der zentralen Themen in linken Gesellschaftsentwürfen ist Arbeit: Wie kann sie stofflich organisiert, aufgeteilt, erträglicher gemacht, verkürzt werden? Dürfen alle arbeiten, so viel oder wenig sie wollen? Oder es einfach ganz bleibenlassen? Und wie wird ermittelt, welche Dinge überhaupt hergestellt werden, und wie viele, und für wen? Reproduktionsarbeit, mit der sich bis heute vornehmlich Frauen abrackern, kommt in diesen Entwürfen höchstens am Rande vor, und ob sie überhaupt (normale) Arbeit ist und sein soll, bleibt unklar: Die einen antizipieren »langwierige kulturrevolutionäre Prozesse«, in denen die Geschlechterasymmetrien, die in diesem Bereich herrschen, aufgehoben werden müssten. Bei den anderen wird die unbezahlte Arbeit, die in der Enge der bürgerlichen Kleinfamilie geleistet wird, zum sichtbaren Beweis dafür, dass Arbeit insgesamt durchaus einem »tiefen Bedürfnis« entspringen kann und sich deshalb in einer befreiten Gesellschaft quasi von selbst erledigen wird. Beiden Sichtweisen ist gemeinsam, dass sie die Reproduktionsarbeit als eine Art Randbereich oder Sonderfall behandeln, der theoretisch kaum zu greifen ist und sich in der Praxis einer rationalen, kollektiven Gestaltung entzieht.

Sind solche Mystifizierungen der Reproduktionsarbeit aus feministischer Perspektive richtig und wünschenswert? Und wenn nein, wie müsste ein explizit feministischer Gesellschaftsentwurf aussehen?

Heide Lutosch beschäftigt sich praktisch und theoretisch mit den Themen Kranksein, Kinderhaben und Älterwerden in Patriarchat und Kapitalismus.

Workshop: Feministische Perspektiven auf das Recht – Antidiskriminierungsrecht zwischen Emanzipation und „Essentialismusfalle“?

Nora Auerbach

Freitag, 27.08., 11:00 Uhr

In meinem Workshop lade ich dazu ein über Potentiale des Rechts aus einer feministischen Perspektive zu diskutieren. Nach einem kurzen Input zur Geschichte der feministischen Rechtswissenschaften und ihrer Baustellen wenden wir uns der Praxis zu und nehmen beispielhaft das Antidiskriminierungsrecht unter die Lupe. Antidiskriminierungspolitik spielt in politischen Kämpfen eine immer wichtigere Rolle. Kann mit dem Recht die politische Utopie einer diskriminierungsfreien Gesellschaft verwirklicht werden?

Teil 1: Input: Einführung feministische Rechtswissenschaften
• „Alte Frauenbewegung – Neue Frauenbewegung – Gender Trouble“

Teil 2: Antidiskriminierungsrecht
• kurze Einführung
• Antidiskriminierungsschutz als Anerkennung und Möglichkeit von politischer Emanzipation

Teil 3: Perspektiven und Kritik
• Rechte kennen, Rechte nutzen
• Kritik des Rechts, theoretische Reflexion
• Kategoriendilemma im Recht

Der Workshop richtet sich ausdrücklich an alle Interessierte, juristische Vorkenntnisse sind nicht notwendig. Jeder Kritik geht die Auseinandersetzung mit ihrem Gegenstand voraus. In diesem Sinne soll der Workshop dazu ermutigen, eigene Perspektiven auf das Recht zu entwickeln und Kritikansätze zu formulieren.

Nora Auerbach hat Politikwissenschaft und Rechtswissenschaft studiert. Sie ist Mitbegründerin des AK zu Recht Münster und des Netzwerks Rechtskritik NRW. Sie wohnt in Berlin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Kunstkanzlei mit eigenem Schwerpunkt im Bereich Sozialrecht und Antidiskriminierungsrecht.

Vortrag: Weltraummedusen – Star Trek: The Next Generation als feministische Utopie

Dania Alasti

Donnerstag, 26.08., 18:00 Uhr

Ist Star Trek: The Next Generation eine feministische Utopie? Ja, aber nicht wegen der dargestellten Geschlechterverhältnisse. Auch wenn es redliche Versuche gab, emanzipierte Lebensweisen darzustellen, scheiterten sie an vielen Stellen. Die Erzählung ist eine feministische Utopie, weil die Begegnung mit fremden Wesen bewusst auf andere Weise dargestellt wird, als sie in der hegelschen Herr-Knecht-Dialektik konzeptioniert ist. In The Next Generation wird das Bild einer Zukunft entworfen, in der die Begegnung mit Anderen grundsätzlich nicht vernichtend, unterwerfend oder ausbeutend ist. Die Gründe erscheinen den Protagonist:innen bewusst, werden aber nicht expliziert. Eine thematische Analyse der ersten beiden Episoden zeigt, dass sie in einem Verständnis von Abhängigkeiten bestehen, das nicht versucht, Abhängigkeiten durch Herrschaftsverhältnisse zu kompensieren.

Dania Alasti ist Doktorandin an der Freien Universität Berlin und Autorin von „Frauen der Novemberrevolution / Kontinuitäten des Vergessens“.

Film & Gespräch: …geradezu heraus. IRMTRAUD MORGNER in Chemnitz

Beathe Kunath

Donnerstag, 26.08., 21:30 Uhr

…geradezu heraus. IRMTRAUD MORGNER in Chemnitz (BRD 2008, 77 min.) porträtiert die Persönlichkeit und das Werk der Schriftstellerin Irmtraud Morgner (1933 – 1990) mit dem Schwerpunkt ihrer Herkunft, Kindheits- und Jugendjahre in Chemnitz. Sie lebte bis zu ihrem Abitur 1952 bei ihren Eltern in Chemnitz-Hilbersdorf. Ihr Vater war Lokomotivführer, die Mutter, eine gelernte Schneiderin, war Hausfrau.

Die familiären, sozialen und politischen Erfahrungen aus dieser Zeit haben sie stark geprägt und werden in fast all ihren Romanen literarisch verarbeitet, ohne direkt autobiografisch zu sein. Der Film dokumentiert durch Interviews mit Lebenszeuginnen und Lebenszeugen aus der Kindheit und Schulzeit das reale Leben Irmtraud Morgners in der damaligen Zeit und setzt es in Beziehung zu ihren Romanen.

Beate Kunath ist Filmemacherin, wurde in Karl-Marx-Stadt geboren und lebt in Berlin. Sie arbeitete an der Filmwerkstatt Chemnitz, initierte ein lesbisch-schwules Filmfestival, war Jurorin für Filmpreise und ist als VJ tätig. Unter ihrem Label bi:kei productions entstanden zuletzt die dokumentarischen Filme RAW CHICKS.BERLIN (105 min, 2017) und „Hurra! Es ist ein Mädchen!” (145min, 2018).

Marcuses Gespenster – A pervert’s guide to feminist utopia

Michael Beron

Donnerstag, 26.08., 15:30 Uhr

Im Dialog mit der Fernsehserie Mad Men und anderen Serien- und Diskursfragmenten – von Angela Davis zu Barack Obama und Game of Thrones – fragt der Beitrag nach der Aktualität und Bedeutung feministischer Utopien für das kulturelle Imaginäre, d.h. die herrschenden (und in Herrschaft verstrickten) Selbst- und Menschenbilder im Neoliberalismus. Die Frage wird geleitet von zeitgenössischen Diagnosen (Fraser, McRobbie, Soiland), wonach utopische Wünsche der Frauenbewegung im Übergang zum postfordistischen, neoliberalen Kapitalismus teilweise integriert wurden und eine Art Doppelleben und unheimliche Wahlverwandtschaft mit einer Ideologie entwickelt haben, die als Regierung der Freiheit und Befreiung auftritt und die Verwandlung von passiven Objekten in aktive, selbstermächtigende Subjekte einfordert und verspricht.

Michael Beron studierte Theaterwissenschaft und Philosophie in Mainz und Berlin, arbeitete als Theatermacher, u.a. im EGfKA-Kollektiv, und publizierte u.a. zu neurechtem Kulturkampf und kulturellem Antifaschismus. Aktuell forscht er, alimentiert von der Rosa Luxemburg-Stiftung, zu Fragen von Arbeitsideologie in US-amerikanischen Fernsehserien der Gegenwart.