Live-Hörspiel: WOANDERS – Dialog mit Thomas Brasch

Masha Qrella

Dienstag, 24.08., 21:00 Uhr

„Wer sind wir eigentlich noch?“, fragte der Schriftsteller Thomas Brasch, und Masha Qrella singt diese Zeilen. Sie und ihre Mitmusikerinnen machen Braschs Lyrik zu Songtexten. Im musikalischen Zwiegespräch folgen sie seinem Beispiel, sich mit der Welt und der eigenen Existenz in ihr auseinanderzusetzen. In Versatzstücken aus Interviews, Gedichten, Materialskizzen und Proberaum-Mitschnitten entsteht ein musikalisches Hörspiel, das von der Einsamkeit als politischem Moment erzählt und zugleich vom fortwährenden Versuch, sich Vereinnahmungen zu entziehen.

Einmal heißt es: „Die Arbeit ist auch ein Mittel geworden, im Zeitalter der Automatisierung seine Zeit zu verbringen. (…) Mich interessiert ein arbeitsloses Land, durch das zwei Frauen reisen.“

Das Hörspiel legt einen Arbeitsprozess offen, der versucht, „das Ungeheuerliche erst mal zu denken“ und den Raum zu schaffen, den Thomas Brasch als „Bleiben wo ich nie gewesen bin“ herbeigesehnt hat.

Querelle de femmes – eine Frage der Frauen; Eine bissige Kontroverse über Geschlechterbeziehungen vom Mittelalter in die Neuzeit

Nadja Bennewitz

Dienstag, 24.08., 11:00 Uhr

„Uns erscheint die Sitte perfekt, den Frauen wie Männern ehrende Nachreden zu halten.“ Plutarch untergrub mit dieser Ansicht das antike Diktum, die beste Frau sei die, von der man nicht spreche. Mit ihm begann eine Tradition der Frauengeschichtsschreibung, die in Europa von gelehrten Philosophinnen und Schriftstellerinnen des ausgehenden Mittelalters und der Renaissance wie Christine de Pizan erneut aufgegriffen wurde. Sie ermächtigten sich selbst, gegen die christliche Überlieferung aufzubegehren, wonach die Urmutter Eva die Hauptlast des Sündenfalls trage, so die Venezianerin Moderata Fonte 1599: „Eva handelte in guter Absicht, aber Adam aß den Apfel aus Gier. Man kann sagen, Gott hat erst Adams wegen eingegriffen.“

Die „querelle de femmes“ war eine Diskussion mit gesellschaftspolitischer Brisanz über das Wesen von Frauen und Männern, die weit in das 14. und 15. Jh. zurückreicht und somit keineswegs nur eine Fragestellung der Moderne ist. Als „Geschlechterstreit“ bekannt geworden, ging es um den Wert und die Würde der Frauen und um die Verteilung von Macht und darum, ob die Geschlechter gleich oder nur gleichwertig seien.

Nadja Bennewitz, Historikerin M.A.  arbeitet seit 1996 selbstständig in der Erforschung und Vermittlung historischer Frauen- und Geschlechtergeschichte (Schwerpunkte: Spätmittelalter/Renaissance/Reformation und 19./20. Jahrhundert). Veröffentlichungen  Ausstellungen  Audiobooks und mediale Konzepte, Konzeption und Durchführung von Frauenstudienreisen nach Italien (VenedigRom  Marken), Audioguides (ErlangenNürnberg) , monatliche Radiosendung „Zwischenfälle. Von der beunruhigenden Aktualität der Vergangenheit“ auf dem freien Radiosender Nürnberg Radio Z. Seit 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

Konzert: Power Plush & Wrackspurts

Das ist zwar nicht Seattle hier, aber mit den Wrackspurts klingt es ein bisschen so. Melodische, ruhige Gitarrenriffs explodieren regelmäßig in der Overdrive-Mühle, nebenbei lädt der Gesang zum Sing-Along ein.

Das Chemnitzer Quartett Power Plush trumpft sich mit ihrem Indiepop direkt in eure Herzen. Dialektische Bewegungen zwischen Flausch und Knall für den tanz- und kuschelwütigen Theoriefan.

Vortrag: What would it mean to win?

Bini Adamczak

Samstag, 28.08., 18:00 Uhr

Das Bilderverbot ist erledigt. Die Behauptung, eine utopische Vision, das Ausmalen einer besseren Welt also, führe in den Totalitarismus, weil es die herrschaftlichen Bedingungen der Gegenwart in die Zukunft projiziere, lässt sich nicht halten. Erstens sind es gerade die Fragen der Gegenwart, die die Utopie beantworten soll, zweitens handelt es sich bei utopischen Entwürfen nicht um Vorschriften, sondern um Vorschläge und drittens kann ein transparenter utopischer Diskurs dem Autoritarismus entgegenarbeiten, indem er eine kollektive Reflexion über Ziele und Wege ermöglicht. This being said, lässt sich die Frage stellen: Wie sähe eigentlich eine Welt aus, in der die Forderungen nach geschlechterpolitischer und sexualpolitischer Emanzipation erfüllt wären?

Bini Adamczak lebt in Berlin und ist Teil der jour fixe Initiative. Sie ist die Autorin von “Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende.” (2017) und “Der schönste Tag im Leben des Alexander Berkman. Vom womöglichen Gelingen der Russischen Revolution.” (2017).

Vortrag: Für eine utopistische Realpolitik: Zum Verhältnis von Utopie, Sozialwissenschaft und Politik in den gesellschaftlichen Kämpfen um andere Produktions- und Geschlechterverhältnisse.

Tino Heim

Samstag, 28.08., 15:30 Uhr

In der Sprache parlamentarischer Politik fungiert der moderne Utopiebegriff seit dem 19. Jh. bevorzugt als negativ besetzter Kampfbegriff. Utopien werden als „irrational“, „naiv“, „weltfremd“ und „illusorisch“ eingeordnet und in einen Gegensatz zur vermeintlich rationalen „Realpolitik“ aber auch zur „rationalen Wissenschaft“ gestellt. Vor dem Hintergrund dieser problematischen Entgegensetzung geht der Beitrag davon aus, dass gerade in gesellschaftlichen Krisen und Transformationsperioden jede realistische Politik und jede kritische Sozialwissenschaft notwendig utopische Momente und Überschüsse voraussetzt. Denn erst wo die in gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen angelegten und zugleich blockierten Möglichkeiten anderer Formen gesellschaftlicher Beziehungsweisen konkret bestimmt werden, lassen sich auch Ziele, Entwicklungspfade und Ansatzpunkte für realistische politische Kämpfe diskutieren. Demgegenüber agiert eine sogenannte ‚Realpolitik‘ der Verwaltung und Verteidigung des Status Quo, gerade weil sie Utopien systematisch ausschließt, gegenüber zugespitzten sozialen, ökonomischen und ökologischen Transformationszwängen notwendig irrational. Dies gilt auch und gerade für das Feld der kapitalistischen Geschlechterverhältnisse und der Geschlechterpolitiken. Denn in ihrer engen Verschränkung mit zentralen Modi der Trennung von produktiver und reproduktiver Arbeit, von Natur und Gesellschaft, von öffentlich und privat, von Rationalität und Emotionalität etc., bilden die vergeschlechtlichende Arbeitsteilung und die um eine klare heterosexuelle Geschlechterpolarität zentrierten Wissensordnungen ein Schlüsselmoment kapitalistischer Produktion-, Herrschafts- und Naturverhältnisse. Sie sind daher auch ein zentraler Einsatz in den Kämpfen um die Erhaltung, Veränderung oder Überwindung dieser Verhältnisse.

Tino Heim (Dr. phil.) ist Sozialwissenschaftler mit Arbeitsschwerpunkten in der Kritik der politischen Ökonomie, der kritischen Diskursanalyse, der Geschlechtersoziologie sowie der sozialen Bewegungs- und Transformationsforschung. Die Genese und der krisenhafte Wandel der Formen kapitalistischer Vergesellschaftung sowie die darum zentrierten Wissensordnungen und Kämpfe bilden das verbindende Element vielfältiger Forschungsinteressen. Aktuell arbeitet er im Rahmen des BMBF Verbundprojektes „Dinge und Sexualität. Produktion und Konsumtion im 20. und 21. Jahrhundert“ am Institut für Soziologie der TU Dresden.

Männer verprügeln

Samstag, 28.08., 14:00 Uhr

Dieser Kickboxworkshop soll die Gelegenheit bieten, sich nach dem WUTopie-Workshop ein wenig Luft zu verschaffen und überhaupt nach dem vielen Input einmal den Kopf freizubekommen. Gemeinsam werden wir einige Grundtechniken durchgehen und uns nach Belieben auspowern. Alle sind willkommen, unabhängig von den Vorkenntnissen. Und Männer kriegen (hier) auch nicht auf die Nase, solange sie das nicht wollen, versprochen!

Lesung und Schreibwerkstatt: Femtopie – Orte ohne Männer

Cosima Langer & Carolin Blauth

Samstag, 28.08., 11:00 Uhr

SCUM – Society for Cutting Up Men, so nannte Valerie Solanas in den 1960er Jahren die aktivistische Gruppe, die sie mit ihrem Manifest herbeischreiben wollte. Angetrieben von ihrer Wut über gesellschaftliche Ungleichheit kommt Solanas zu dem Schluss, dass an all der Gewalt und Unterdrückung Männer schuld sind – also müssen sie weg!
Der Wunsch nach feministischer Organisierung ohne Männer findet sich auch an anderer Stelle: Das Frauenkollektiv Libreria delle Donne in Mailand betreibt seit den 1970ern einen Buchladen und schreibt gemeinsam darüber. Sie organisieren sich ohne Männer, um jenseits patriarchaler Strukturen Beziehungen zwischen Frauen neu zu (er)leben und zu theoretisieren – eine Heterotopie?

In einer fragmentarischen Lesung wollen wir uns aus verschiedenen Richtungen dem Motiv einer feministischen Utopie als einem Ort ohne Männer annähern. Dabei ist eine zentrale Frage, welche Rolle Wut bei der Imagination von Sehnsuchtsorten und ihrer Verwirklichung spielen kann. Als kulturelle Figur ist die männerhassende Feministin sehr präsent, doch in der Realität gehen Hass und Gewalt viel häufiger von Männern aus. Die Wut von Frauen wird übertreiben und diffamiert. Inwiefern ist daher das Aneignen feministischer Wut utopisch?

In einer kurzen Schreibwerkstatt sollen die Teilnehmenden dieser Frage von der Lesung inspiriert nachgehen und ihre feministische Wutopie anhand eigener Erfahrungen entwickeln. Die Erzeugnisse sollen dann als ad hoc Ausstellung aufgehängt werden, die von allen bei einem Rundgang gelesen werden können.

Performance: Als sie erwachte, fehlte die Wolke. 88

Prof. em. Ulrike Brummert, docteure d’État, Ursel Schmitz, Ria ÜbÜ & Formation Ent_Rüstet

Freitag, 27.08., 21:30 Uhr

Utopie Mensch muss entziffert werden, und wenn ich schreibe, erinnere mich dieses Entwurfes.
Irmtraud Morgner

Sehen wir mal vom WASSER ab, sind LIEBE & ARBEIT bzw. ihre Gegenpole Nicht_Liebe gleich Hass und das Fehlen ökonomischer Lebensbedingungen die zentralen Determinanten menschlicher Existenz.

Sie entscheiden über unsere Verortung:

SEIN im Bleiben_Gehen_Fliehen_Suchen_N eu_Bleiben.

Irmtraud Morgner (22. August 1933 – 6. Mai 1990) aus Chemnitz Hilbersdorf konzentrierte sich in ihrem philosophisch_schriftstellerischen Schaffen genau darauf, d. h. auf Entwürfe wahrhaften Menschseins, das seine Quellen im selbstbestimmten Lieben der dichtenden Frauen des okzitanischen Mittelalters (les trobairitz), der utopisch Hoffenden, sozialistisch Agierenden sucht, zugleich betreibt sie unerschrocken die eigenverantwortliche Weiterentwicklung dieser Gesellschaftsentwürfe.

Vortrag: Feministische Kämpfe um die Wohnungsfrage

Eva Kuschinksi

Freitag, 27.08., 18:00 Uhr

Die Wohnungsfrage, wie wir sie heute kennen, ist mindestens so alt wie die (kapitalistische) Urbanisierung selbst. Und wie Engels in seiner Polemik zur Wohnungsfrage feststellt, „sie hat alle unterdrückten Klassen aller Zeiten ziemlich gleichmäßig betroffen“ (Engels 1973 1872: 213). Im Zentrum dieser Frage steht im Kapitalismus der Widerspruch zwischen der Verwertbarkeit der, oft als Ware gehandelten, Wohnung und der alltäglichen Wiederherstellung des Lebens. Historisch hat sich die Wohnung nämlich zum Ort der Reproduktion entwickelt. Entlang der (binär konstruierten) gesellschaftlichen Geschlechterverhältnisse und vergeschlechtlichter Arbeitsteilung fällt die Aufgabe der alltäglichen Reproduktion in den Bereich der Frauen*arbeit. Als Ware und Reproduktionsort zugleich ist die Wohnung auch Schauplatz zahlreicher gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und feministischer Kämpfe.

Im Vortrag werden – nach einer theoretischen Einführung – schlaglichtartig historische Beispiele feministischer Utopien und Kämpfe rund ums Wohnen besprochen. Was können wir heute von den historischen Kämpfen lernen und wie setzen sie sich heute fort? Wie kann Wohnen als gesellschaftliches und feministisches Thema heute verhandelt werden? Mit diesen Fragen schließt der Vortrag bzw. gibt ein paar Impulse für die anschließende Diskussion.

Eva Kuschinski ist Stadtforscherin, wohnt und arbeitet in Hamburg und forscht dort zum Verhältnis von angespanntem Wohnungsmarkt und der Situation in den Frauenhäusern sowie zu feministisch-materialistischen Lesarten der Wohnungsfrage. Sie ist u. a. aktiv im AK Feministische Geographien und der Mittelbau-Ini Hamburg.

Vortrag: »Wenn das Baby schreit, dann möchte man doch hingehen« Ein feministischer Blick auf Arbeit, Freiwilligkeit und Bedürfnis in aktuellen linken Utopieentwürfen

Heide Lutosch

Freitag, 27.08., 15:30 Uhr

Eines der zentralen Themen in linken Gesellschaftsentwürfen ist Arbeit: Wie kann sie stofflich organisiert, aufgeteilt, erträglicher gemacht, verkürzt werden? Dürfen alle arbeiten, so viel oder wenig sie wollen? Oder es einfach ganz bleibenlassen? Und wie wird ermittelt, welche Dinge überhaupt hergestellt werden, und wie viele, und für wen? Reproduktionsarbeit, mit der sich bis heute vornehmlich Frauen abrackern, kommt in diesen Entwürfen höchstens am Rande vor, und ob sie überhaupt (normale) Arbeit ist und sein soll, bleibt unklar: Die einen antizipieren »langwierige kulturrevolutionäre Prozesse«, in denen die Geschlechterasymmetrien, die in diesem Bereich herrschen, aufgehoben werden müssten. Bei den anderen wird die unbezahlte Arbeit, die in der Enge der bürgerlichen Kleinfamilie geleistet wird, zum sichtbaren Beweis dafür, dass Arbeit insgesamt durchaus einem »tiefen Bedürfnis« entspringen kann und sich deshalb in einer befreiten Gesellschaft quasi von selbst erledigen wird. Beiden Sichtweisen ist gemeinsam, dass sie die Reproduktionsarbeit als eine Art Randbereich oder Sonderfall behandeln, der theoretisch kaum zu greifen ist und sich in der Praxis einer rationalen, kollektiven Gestaltung entzieht.

Sind solche Mystifizierungen der Reproduktionsarbeit aus feministischer Perspektive richtig und wünschenswert? Und wenn nein, wie müsste ein explizit feministischer Gesellschaftsentwurf aussehen?

Heide Lutosch beschäftigt sich praktisch und theoretisch mit den Themen Kranksein, Kinderhaben und Älterwerden in Patriarchat und Kapitalismus.