Bernd Röttger: »Und du wärest schon froh, […] die Gülle flösse ab.« – Über historische Notwendigkeiten, herrschaftliche Restrukturierungen und wirkliche Alternativen, oder: Wie Antonio Gramsci seinen kritischen Marxismus entwickelt

Montag, 01.08. 18:00

Antonio Gramsci, geboren 1891 auf Sardinien, gestorben 1937 an den Folgen seiner Inhaftierung in den Kerkern Mussolinis, hat mit dem Hegemoniegebegriff in seinen Gefängnisheften nicht nur die politische Theorie des Marxismus umgewälzt und durch seine »Philosophie der Praxis« eine strategische Erneuerung der Arbeiterbewegung in den entwickelten kapitalistischen Gesellschaften des Westens begründet; er avancierte posthum auch zu einem Klassiker der marxistischen Theorie. – »Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren ist Verrat«, so umriss Heiner Müller seinen Umgang mit dem Werk des Klassikers der sozialistischen Weltliteratur, der auch bürgerlich inszeniert werden konnte. – Auch Gramscis analytischen und politischen Begriffe scheinen beliebig dienstbar, wenn es darum geht, politische Mehrheiten zu organisieren: Alles nur noch eine Frage des Kampfes um Hegemonie? – Die Analyse der Stabilität bürgerlicher Herrschaft in den entwickelten Kapitalismen, die bei Gramsci noch in den Strukturen der herrschenden Produktionsweise und ihrer Klassenverhältnisse wurzelt, verwandelt sich in eine »individuelle Phrase« (Gramsci), in einen politischen oder ideologischen Voluntarismus. – Der Vortrag versucht die Entwicklung von Gramscis Marxismus vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen gescheiterter Kämpfe der Arbeitenden auf Sardinien (1904/06), dem Scheitern der Turiner Fabrikrätebewegung (1919/22), seiner Auseinandersetzung mit dem historischen Materialismus der II. Internationale und der russischen Oktoberrevolution (1918), seiner Motive für die Mitbegründung des PCI (1921), dem aufstrebenden Fordismus in den USA und dem Faschismus in Italien (1924) und seiner Isolation von den Kämpfen im Gefängnis seit 1928 historisch-kritisch nachzuzeichnen.

Dr. Bernd Röttger, geb. 1961, Politikwissenschafter, langjährige Tätigkeit als Lehrbeauftragter an juristischen, politologischen und soziologischen Lehrstühlen sowie in gewerkschaftlichen Beratungs-, Bildungs-, und Forschungsprojekten. Diverse Veröffentlichungen zur politischen Ökonomie der BRD und des Weltmarkts, zur Geschichte und Politik der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, zur marxistischen Theorie. Aktuell: Redakteur des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus.

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