Thomas Atzert: »Immer noch und immer wieder: Wir wollen alles.« Nanni Balestrini und die »Frage des Südens«

Donnerstag, 04.08, 21:00

Der italienische Autor Nanni Balestrini (1935–2019) ist vielen deutschsprachigen Leser*innen vor allem durch Übersetzungen seiner erzählenden Prosa bekannt. In den Büchern Wir wollen alles, Die Unsichtbaren oder Der Verleger, aber ebenso in Die Wütenden, in Sandokan und Carbonia oder auch in dem Poem Blackout richtet Balestrini den Blick auf die Sozialgeschichte insbesondere seit den 1960er Jahren in Italien und darüber hinaus, auf die Kämpfe der Arbeitenden und der sozialen Bewegungen gegen Ausbeutung und Unterdrückung, auf die Dynamiken der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse und Veränderungen, auf die staatliche Repression und ihre Auswirkungen, auf Hooligans, Camorra und Berlusconi. Ausgangsmaterial des literarischen Texts ist in vielen Fällen eine Art oral history, wobei die authentische und vielstimmige Alltagssprache der Protagonist*innen konzentriert und häufig mit anderem sprachlichen Material (Flugblättern, Zeitungsberichten, Untersuchungen, offiziellen Dokumenten) kontrastiert wird.

In dieser (halb-)dokumentarischen Re-Kombination berühren sich auf spannende Weise, und darin besteht die fortwährende Aktualität Balestrinis, politische und ästhetische Radikalität, Autonomie und Avantgarde.

Thomas Atzert ist Publizist und Übersetzer vor allem sozialwissenschaftlicher Essayistik, übersetzte u.a. Giorgio Agamben, Franco Berardi Bifo, Mark Fisher, Michael Hardt, Yann Moulier Boutang, Antonio Negri und Paolo Virno; Herausgeber, gemeinsam mit Andreas Löhrer, Reinhard Sauer und Jürgen Schneider, von Nanni Balestrini. Landschaften des Wortes, Berlin/Hamburg: Assoziation A, 2015.

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