Peter Jehle: Was heißt Philosophie der Praxis?

Dienstag, 02.08, 18:00

Lange glaubte man, Gramsci verwende den Ausdruck »Philosophie der Praxis« als Tarnwort für Marxismus, um die Gefängniszensur hinters Licht zu führen. Das hat sich als falsch herausgestellt. Sichtbar werden konnte das erst, nachdem die vollständige italienische Ausgabe der Gefängnishefte in den 1970er Jahren erschienen war. Nun konnte man nachverfolgen, an welchen Stellen und in welchen Kontexten der Ausdruck auftaucht, welche Bedeutung(en) er annimmt und was damit eigentlich auf dem Spiel steht. Gramsci hat den Ausdruck nicht erfunden, sondern von Antonio Labriola übernommen. Nicht nur das Wort, sondern auch die von Labriola damit zum Ausdruck gebrachte Überzeugung, dass es, ausgehend von Marx, darum gehen muss, eine autonome und kohärente marxistische Philosophie zu erarbeiten. Ohne autonome Weltauffassung, die den für ein Projekt der Gesellschaftsveränderung sich organisierenden Subjekten Orientierung gibt, keine Überwindung von Subalternität.

Peter Jehle ist Privatdozent für Romanische Philologie an der Universität Potsdam und Mitherausgeber der Zeitschrift Das Argument und des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus.

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