Ingo Pohn-Lauggas: Vergangenheit und Gegenwart. Zum Begriff der Geschichte

Dienstag, 02.08, 11.00


Geschichte und Geschichtsschreibung sind zentrale Themen bei Gramsci, die sehr unterschiedliche Bereiche miteinander verbinden. Dies reicht von der gewichtigen Auseinandersetzung mit Benedetto Croce und seiner Geschichtsphilosophie, dem Verhältnis also der Philosophie der Praxis zur »ethisch-politischen Geschichte«, bis herunter zu der Frage, welche allgemeine Bedeutung und damit »pädagogische Universalität« die individuelle Lebenserfahrung hat. Letzteres verhandelt Gramsci unter »Vergangenheit und Gegenwart«, eine der manchmal eigentümlich benannten Rubriken, anhand derer er sein Material in den Gefängnisheften sortierte: Häufig erweist sich allein die Tatsache, dass bestimmte Themen, Fundstücke oder Persönlichkeiten einer dieser Rubriken zugeordnet werden, als bedeutsam und lehrreich – und zwar sowohl hinsichtlich des Materialstücks selbst als auch hinsichtlich der Beschaffenheit der Kategorie. Für das Verhältnis von »Vergangenheit und Gegenwart« ist zentral, dass die Gegenwart in den Augen Gramscis »die gesamte Vergangenheit« enthält, und daher kommt uns auch die Aufgabe zu, das, was wir an dieser kritisieren, zu überwinden und dieser bewussten Kritik nicht nur theoretischen, sondern auch politischen Ausdruck zu verleihen. Die biographische Erfahrung wiederum rückt das ins menschliche Wesen eingeschriebene »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« (Marx) in den Blick, und der geschichtliche Verlauf die Historiographie – auch die Frage nach den Subalternen »an den Rändern der Geschichte« ist zunächst eine der Geschichtsschreibung.

Ingo Pohn-Lauggas ist Literatur- und Kulturwissenschaftler an der Universität Wien mit zahlreichen Veröffentlichungen zu Antonio Gramsci, u.a. im Historisch-Kritischen Wörterbuch des Marxismus (HKWM), an dem er auch als Redakteur mitwirkt. Zurzeit bereitet er eine neue Übersetzung und Ausgabe von Gramscis Schriften zur Südfrage und zu den Subalternen vor.

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