Vortrag: Differenz und Versöhnung: Silvia Bovenschens Kritik des Geschlechterverhältnisses

Robert Zwarg

Mittwoch, 25.08., 15:30 Uhr

Das Geschlechterverhältnis – sowohl das reale des Alltags als auch das imaginierte der Literatur und der bildenden Kunst – gehört zu den zentralen Themen in Silvia Bovenschens Schriften. Das Werk der 2017 verstorbenen Literaturwissenschaftlerin, Essayistin und Schriftstellerin wie auch ihr Verständnis von Feminismus zielte nie auf systematische Geschlossenheit. Es war stets Ausdruck denkerischer Freiheit statt politischer Programmatik. Entsprechend verstand Bovenschen auch die Kritische Theorie, die sie während ihres Studiums in Frankfurt am Main kennengelernt hatte und die ihre Texte prägte, nicht als Ticket oder dogmatisch zu rezitierende Lehre. Verwandt sind ihre Schriften der Kritischen Theorie, vor allem der Theodor W. Adornos, vielmehr in ihrem Gestus – dem Gestus eines Denkens, das die Utopie allenfalls in einer Herausarbeitung und Zuspitzung von Widersprüchen aufscheinen lässt. Das gilt auch für ihre Auseinandersetzung mit dem Geschlechterverhältnis und dem Feminismus, dessen Aporie sie in “Die imaginierte Weiblichkeit” (1979) herausgearbeitet hat: Der Forderung nach Gleichheit auf der einen Seite, die als Maßstab immer nur jenen Zustand angeben kann, den der Mann schon innehat und das Beharren auf einer spezifisch weiblichen Andersheit, mit der der faktischen Geschichtslosigkeit der Frauen begegnet werden soll. Beide Positionen, so Bovenschen, greifen zu kurz und sind gleichermaßen ahistorisch; die eine vernachlässigt die realen Frauen zugunsten der Forderung nach einer bloßen Angleichung, die andere unterstellt ein sich ewig gleich bleibendes weibliches Wesen, das zu Weilen – wie von Herbert Marcuse – dann als per se antikapitalistisches überhöht werden kann. Der Vortrag möchte einerseits Silvia Bovenschens Analyse und Kritik des Geschlechterverhältnisses vorstellen und andererseits der Frage nach dem utopischen Moment in dieser Auseinandersetzung nachgehen – wenn es denn existiert.

Robert Zwarg ist Philosoph und Übersetzer und lebt in Leipzig. Derzeit arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin. Im Wintersemester 2021/22 hat er die Gastprofessur für Kritische Gesellschaftstheorie an der JLU Gießen inne. Veröffentlichungen: „Kritische Theorie in Amerika. Das Nachleben einer Tradition“ (Göttingen 2017)

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