Workshop: Autoritäre Krisenbearbeitung – projektive Feindbilder – verdrängte kapitalistische Krisendynamiken

Tino Heim

Freitag, 10.08.18, 15.30

Was sich mit Marx zu den eskalierenden Krisen kapitalistischer Vergesellschaftung und zur Frage nach prinzipiellen gesellschaftlichen Alternativen sagen lässt

Lautstarke politische Abgrenzungen vom ‚Rechtspopulismus‘ verdecken kaum mehr, dass globale autoritäre, nationalistische und (neo-)rassistische Verschiebungen die Interessenpolitiken aller kapitalistischen Wettbewerbsstaaten vermehrt prägen und gerade auch in der BRD längst die ‚Politik der Mitte‘ charakterisieren. Das lautstarke Bereden der ‚Flüchtlingskrise‘ und die verbale und sicherheitspolitische Aufrüstung gegen ‚Fremde‘, ‚Gefährder*innen‘ und konkurrierende Nationalstaaten – das auf eine lange Tradition projektiver Angst- und Feindbilder zurückgreift – überdecken und ersetzen dabei die Auseinandersetzung mit vielfältig eskalierenden Krisendynamiken, für die es innerhalb der Parameter des kapitalistischen Weltsystems offenbar an tragfähigen Strategien des Krisenmanagements fehlt. Die Krisen der Wirtschafts-, Bildungs- und Sozialsysteme, der Care-Arbeit oder der geopolitischen Beziehungen, aber auch die globalen Fluchtbewegungen haben schließlich geteilte Hintergründe in einer generellen Krise des globalen Kapitalismus, in der neoliberalen Politik der letzten Dekaden und in jenen Konsum-, Wirtschafts- und Wachstumsmodellen, die auch unseren alltäglichen Lebensgewohnheiten und Orientierungen zugrunde liegen. Ein Angehen der Ursachen würde hier die konflikthafte Suche nach gesellschaftlichen Alternativen erfordern – eine Aufgabe, die weit schwerer zu bewältigen sein dürfte als projektive Abwehrkämpfe und Stellvertreterkriege gegen ‚Fremde‘.

Vortrag und Workshop fragen nach den Hintergründen dieser generellen politischen Verschiebungen sowie nach den Ursachen der ihnen zugrunde liegenden Vertiefung der globalen sozialen, ökonomischen und politischen Spaltungen und der sich zuspitzenden sozial-ökologischen Verteilungskonflikte. Dabei spielen konkrete politische, kulturelle und ökonomische Konstellationen der letzten Dekaden ebenso eine Rolle wie die Fragen nach grundlegenden Widersprüchen des Kapitalverhältnisses, nach langfristigen Tendenzen der kapitalistischen Akkumulation und nach den Grenzen staatlichen Krisenmanagements, wie sie sich mit Marx bestimmen lassen. Ausgehend von der Frage, ob es sich bei den gegenwärtigen Krisendynamiken um den Ausdruck einer ‚normalen‘ zyklischen Krise oder um eine prinzipielle Krise der Bestandsbedingungen der kapitalistischen Gesellschaftsformation handelt, soll es nicht zuletzt auch um die Suche nach realistischen Ansatzpunkten für soziale Kämpfe um postkapitalistische Alternativen gehen, die sich den derzeitigen autoritären Krisenverarbeitungen entgegen stellen und ihnen den Nährboden entziehen.

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