Feature und Gespräch: »Uraltes Hafengeschwätz«. Walter Benjamins Passagen durch Marseille

Johanna Tirnthal

Freitag, 28.08., 15:30 Uhr

1940, als die Deutschen den Norden Frankreichs besetzten, trafen Geflüchtete aus ganz Europa in Marseille zusammen. Walter Benjamin versuchte von hier auf dem Landweg nach Spanien zu gelangen und nahm sich im Grenzort Portbou das Leben. Von seinen letzten Tagen in der französischen Hafenstadt sind zahlreiche Anekdoten überliefert, er traf hier viele alte Bekannte: Hannah Arendt, Siegfried Kracauer, Anna Seghers und den österreichischen Schriftsteller Soma Morgenstern.
Benjamin war 1940 nicht zum ersten Mal in Marseille – auch als junger Mann hatte er die französische Hafenstadt besucht, 1926 und 1928. Damals aß er Haschisch, flanierte durch die engen Gassen und über die Boulevards, beobachtete das Treiben in den Hafenkneipen. Seine Eindrücke hielt er in einem »Städtebild«, in »Haschisch in Marseille« und der Novelle »Myslowitz-Braunschweig-Marseille« fest.
»Uraltes Hafengeschwätz« ist ein 38-minütiges Radiofeature, das sich auf die Spuren von Benjamins sehr unterschiedlichen Marseille-Besuchen begibt. Es nimmt mit in die Klanglandschaft der französischen Hafenstadt, hin- und hergerissen zwischen leichtfüßigen Haschisch-Momenten und der bedrohlichen Atmosphäre von 1940. Die Protagonist*innen: Das französische Musikerpaar »Catherine Vincent« beschäftigt sich heute mit Benjamins Marseille-Texten, arbeitet an einem Benjamin-Album und wandelt mit einer Schulklasse auf den Spuren von »Myslowitz-Braunschweig-Marseille« durch die Banlieues. Der Videokünstler Renaud Vercey erklärt Benjamins Wege durch das Stadtzentrum. Und Erdmut Wizisla, der Leiter des Berliner Walter-Benjamin-Archivs, erzählt vom großen Rätsel der Benjamin-Forschung: Dem Koffer (mit Texten?), den Benjamin in Marseille bei sich hatte und der nach seinem Suizid verloren ging.
»Uraltes Hafengeschwätz« wird am 22.9.2020 um 16.05 in der Reihe »Tonspuren« im österreichischen Kultur-Radiosender Ö1 gesendet. Bei der Kantine »Benjamin« stellt die Autorin das nun fast abgeschlossene Projekt vor, erzählt von ihren Recherchen in Marseille und lädt ein, gemeinsam Benjamins Haschisch-Texte zu erkunden.

Johanna Tirnthal ist freie Radio-Autorin und Kulturwissenschaftlerin. Sie pendelt zwischen Berlin und Wien und arbeitet hauptsächlich für Deutschlandfunk Kultur und Ö1. Ihre Lieblingsthemen findet sie da, wo Philosophie, Literatur und soziale Bewegungen einander guten Morgen sagen. Studiert hat sie Filmwissenschaft, Geschichte und Kulturwissenschaft in Berlin und Lissabon. Sie unterrichtet außerdem Radio.

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