Vortrag: Der hilflose Souverän im Ausnahmezustand – Johnson, Macron und die Pandemie im Spiegel von Walter Benjamins “Trauerspielbuch”

Robert Heinze

Donnerstag, 27.08., 11 Uhr

“Für Benjamin ist das Neue bereits im Alten präsent”

(Jacques Palmier)

Walter Benjamins Buch “Der Ursprung des deutschen Trauerspiels” gehört, abseits der oft als Schlüssel zu seiner philosophischen Methode verstandenen “Erkenntniskritischen Vorrede”, zu seinen weniger gelesenen Schriften. Vor allem Linke interessieren sich wenig für das sperrig und speziell scheinende Thema, und mehr für später verfasste, offensiver politische Schriften. Dabei entwickelt Benjamin darin wichtige Ansätze seiner politischen Theorie, die vor allem von einer kritischen Auseinandersetzung mit der politischen Theologie Carl Schmitts geprägt sind. Das macht das Trauerspielbuch zu einem nützlichen Instrument, um die aktuelle (Wieder-)Begeisterung für Schmitt’sche Konzeptionen der Souveränität und des Ausnahmezustands, wie sie von Giorgio Agamben oder von Achille Mbembe neu formuliert wurden, kritisch zu hinterfragen.

Damit ermöglicht es auch eine kritische Analyse politischer Diskurse um den Ausnahmezustand in der Pandemie und die mediale Inszenierung solcher Figuren wie Boris Johnson oder Emmanuel Macron als mit dem Schicksal der Nation verwobene “Souveräne”. Denn Benjamin warnt vor der Macht des Schmitt’schen Souveräns, über den Ausnahmezustand zu entscheiden. Das barocke Theater mache zur wichtigsten Funktion des Fürsten, den Ausnahmezustand auszuschließen. Der Fürst aber, konfrontiert mit der Entscheidung, erweist sich im barocken Drama als entscheidungsunfähig – und führt so die “Illusion” Schmitts einer “reinen” Entscheidung ad absurdum.

Der Vortrag führt in das “Trauerspielbuch” ein und entwickelt vor dem Hintergrund von Walter Benjamins Auseinandersetzung mit Carl Schmitt (auch in der “Kritik der Gewalt”) Möglichkeiten, Benjamin für heutige politische Analysen zu nutzen. Dabei hinterfragt er auch neuere Lesarten von Schmitt und Benjamin durch postmoderne und postkoloniale Theorien.

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