100 Jahre November – 100 Jahre Konterrevolution

Montag, 05.08.2019, 18.30 Uhr – Lesung und Vortrag mit Klaus Gietinger

„Ich fürchte den Augenblick, da die Masse, die Straße, unter dem Einfluss der Unabhängigen die Durchführung unsren Parteiprogramms von uns verlangt und eine Republik fordert.“ Denn „Deutschland ist nicht reif für eine Republik“ (Friedrich Ebert am 31. Oktober 1918).

Mit Parteiprogramm war das Erfurter Programm der SPD von 1891 gemeint, dass das gleiche und direkte Wahlrecht forderte, die Gleichstellung der Frau, den Achtstundentag und Religionsfreiheit. Hatte Ebert davor Angst? Am meisten Unbehagen dürfte ihm der Teil des Programms bereitet haben, der die demokratische Volkswehr und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, also die Sozialisierung forderte. Das Deutsche Reich hatte den Weltkrieg verloren. Der I. Weltkrieg hatte nicht nur Millionen Opfer gefordert und Abermillionen körperlich und seelisch verkrüppelt, er hatte auch die Partei gespalten. Ebert und Freunde hatten die Kriegsgegner aus Fraktion und Partei geworfen und jene hatten 1917 eine eigene geründet, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei: USPD.

Und vor den Rausgeworfenen fürchtete sich Ebert, denn er und seine Genossen im Parteivorstand, meist kleinbürgerlicher Herkunft, hatten sich diesem wilhelminischen Staat angepasst, waren Arbeiterbürokraten geworden, gut versorgt von ihrer Partei und seit dem August 1914 um-schmeichelt von der kaiserlichen Regierung, die ohne die SPD diesen Krieg nie hätte führen können. Ebert fürchtete um seine Karriere. Nur nicht die Macht der Straße zum Zuge kommen lassen, war Eberts Devise. Und deswegen verbündete er sich mit dem preußischen Kriegsminister und noch wichtiger der OHL, die noch ihre Truppen tief in Frankreich stehen hatte. General Groener, der Chef der OHL, rief Ebert in der Reichskanzlei an und versprach ihm, die Truppen nach dem Waffenstillstand (11. November) heimzuführen und dann mit dem „Räteunwesen“ aufzuräumen, wenn sich Ebert mit ihm verbünde. Ebert sagte zu.

Noch heute leugnen der SPD nahestehende Historiker diesen Pakt gegen die Räte. Während Konservative ihn immer wieder positiv hervorheben. In verschiedenen Putschen und durch die Rückführung der Frontruppen – „Kein Feind hat euch überwunden“ (Ebert) versuchte die OHL (in geheimen Einvernehmen mit Ebert) die Räte zu entwaffnen und eine Militärdiktatur zu errichten. Im Januar 1919 kam es zu Massenprotesten: Hundertausende gingen auf die Straße, Zeitungsredaktionen, darunter der „Vorwärts“, wurden besetzt und Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck erklärten – gegen den Protest der Führer der Revolutionären Obleute – die Ebert-Regierung für abgesetzt. Der fälschlich als Spartakus-Aufstand bezeichnete Kampf um die Macht entbrannte.

Hauptmann Waldemar Pabst, der Anführer des größten Freikorps, ließ die Gefangenen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, von seinen Offizieren ermorden. Luxemburgs Leiche wurde in den Landwehrkanal geworfen. Pabst, der nie für seine Tat belangt wurde, war in den 40er Jahren als Waffenhändler in der Schweiz, von wo aus er Nazi-Deutschland mit Tötungsmaschinen versorgte. Zurückgekehrt in die BRD, gab er seinen Offiziersfreunden 1969 „unter uns“ bekannt, dass Noske damals seinen Mordbefehl abgenickt hätte. Wenn ihm der Papierkragen platze, mache er das publik, sehr zum Schaden der SPD. Die stellte im gleichen Jahr ihren ersten Bundeskanzler: Willy Brandt.

Noch heute ignoriert die Historische Kommission der SPD dieses Abnicken. Es wird behauptet, Pabst lüge. Konservative Historiker, die Pabst noch kannten, halten ihn für absolut glaubwürdig. Pabst hatte zudem im März 1919, als es zu einem zweiten Generalstreik und durch Agent Provokateure zu einem zweiten Aufstand kam, Noske einen Befehl untergeschoben: „Jede Person, die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“ Noske unterschrieb. Dieser rechtswidrige Befehl führte in wenigen Tagen zu 1200 Opfern Berlin und in ganz Deutschland zu 4-5000 Toten.

Noch ist es nicht zu spät. 100 Jahre Revolution mahnen.

Klaus Gietinger (* 28. Februar 1955 in Lindenberg im Allgäu) ist ein deutscher Buchautor, Drehbuchautor, Filmregisseur und Sozialwissenschaftler.

Klaus Gietinger
Foto: Matthias Becker

„Die Gespräche beginnen schon mit einem Missverständnis“

Freitag, 09.08.2019, 18.30 Uhr – Szenische Lesung geschrieben von Kaśka Bryla und Carolin Krahl, vorgetragen von Carolin Krahl

Ein Briefwechsel zur Frage: Was ist links? unter Zuhilfenahme von Emma Goldman und Rosa Luxemburg

Was hat uns politisiert? Auf was berufen wir uns, wenn wir „links“ sagen? Die beiden Autorinnen fragen sich und einander nach den Ursprüngen und der Gegenwart ihrer politischen Überzeugungen und Strategien. Dabei beziehen sie sich auf zwei Frauen, deren Schreiben und Arbeiten für sie wichtig war und bleibt: zwei Frauen, die voneinander wussten, einander jedoch vermutlich nie begegnet sind, und von denen die Autorinnen ein ganzes Jahrhundert trennt. Mit Emma Goldman und Rosa Luxemburg verständigen sich Kaśka Bryla und Carolin Krahl über Anarchismus und Sozialismus, und sie streiten: über und um das, was davon heute (gültig) bleibt, was verschüttet wurde durch die vermeintlich irreversible historische „Niederlage“ der revolutionären Linken.

Halb Lesung, halb Audio, von Werkstattcharakter. Der Text ist nicht abgeschlossen (wie könnte er?).

Kaśka Bryla und Carolin Krahl sind beide Autorinnen und Redakteurinnen von PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb / Politisch Schreiben. Gemeinsam bilden sie ein Lektoratskollektiv.