Kantine out

Zusammengeräumte Sachen, Fenster, Gerümpel

Eine Woche Theoriefestival hat sich auf wenige Quadratmeter Krimskrams reduziert. Viel voller geht es hoffentlich in euren Köpfen zu. Wir müssen jetzt erstmal schlafen (geträumt wird von Rosa). Ein großer Dank geht an alle raus, die referiert, gekocht, zugehört, vorgelesen, Musik gemacht, aufgeräumt, … haben. Bis später, die Kantine.

Rosa vorab

Zur inhaltlichen Vorbereitung haben wir für alle Fans des geschriebenen Worts einen Reader mit diversen Texten von Rosa Luxemburg zusammengestellt. Er steht hier zum Download bereit.

EX:IN: Aemong + Combobreaker

Musik am Mittwoch, 7.08.2019, 22.00 Uhr

Aemong verkörpern die besten Aspekte des heutigen heruntergekommenen internationalen Undergrounds, ganz allein. Bestehend aus Henrique Uba und Yu-Ching Huang – ursprünglich aus Brasilien bzw. Taiwan – ist Aemongs Sound allem unter der Sonne verpflichtet. Ihr Album 1000 ist ein schattiges Industrie-Pop-Amalgam, das Klischees in Stücke reißt und endlose Nebeneinanderstellungen aufweist. Als Beispiel, direkt im Herzen des Albums, ist „After The Fire“ eine raue, beatlose Minisuite mit Chorgitarren und Basslicks, die das bassige Synthie-Arpeggio mit Ruhe umgibt. Yu-Ching Huang singt himmlische Kim Gordon-isms und Henrique Uba antwortet mit seltsamen Singsprachen und Zufallsstichproben, die an verarbeitete Vogelstimmen und entfernte Autounfälle erinnern. Bei einigen Duos geht es darum, Kompromisse und Ausgewogenheit zu finden, aber Aemong scheint es nur zu erlauben, dass die Ideen von allen Seiten einfließen. (Tristan Bath)

Combobreaker ist das Live-Projekt von R. Kabowski und Brachland. Klingt nach Breakbeat, Industrial, Electro und Experimental. Reingehört werden kann auf Soundcloud.

Soft Grid + Heizkörper

Musik am Samstag, 10.08.2019, 22.00 Uhr

Soft Grid sind keine unbekannten mehr in Chemnitz: Nach einem Auftritt in der Zukunft, im odradek und im lokomov kommen sie nun zur Kantine, um ihre neuen Songs vorzustellen. Mit ihrem zweiten Album »Agency« macht das Berliner Trio Soft Grid dort weiter, wo sie 2016 mit »Corolla« aufgehört hatten. »Agency« ist ein strudelnder Wirbelwind aus kraut-inspirierten Synthesizer-Jams, druckvollen Post-Rock-Dynamiken und als Ganzes völlig losgelöst von jeglichen Einschränkungen der Rock- und Elektronik-Welten, durch die sich die Band gleichermaßen bewegt. Die fünf, jeweils zwischen fünfeinhalb und bis zu elf Minuten langen Stücke transportieren die Energie ihrer gefeierten Konzerte ins Studio und differenzieren den Sound der Gruppe aus. Soft Grid klingen dringlicher, vor allem eindringlicher als zuvor. Ein in Autotune gebadeter Battles-Song, eine schnickschnacklose Animal Collective-Komposition aus der »Merriweather«-Phase oder Electrance und Warpaint während einer fünfstündigen Jam-Session: Zusammengenommen würde all das vielleicht einen durchschnittlichen Soft Grid-Song ergeben – sollte es denn so etwas wie einen durchschnittlichen Soft Grid-Song überhaupt geben.

Den Abend eröffnet die Ukulele-Gitarren-Computer-Punkcombo Heizkörper, die mit Schmackes und Herz den Speisesaal zum Glühen bringen wird.




Linie Luxemburg-Gramsci

Vortrag und Diskussion von und mit Peter Jehle am Mittwoch, 07.08.2019, 14.00 Uhr

Für den Schlussabschnitt der Ästhetik des Widerstands notiert Peter Weiss: „Mitgliedschaft in der Partei – dass es eine kleine Partei war, unwichtig. Mitgliedschaft Prinziperklärung – ideologische Zugehörigkeit – Abwesenheit von Zwang und Dogmatismus – Linie Luxemburg-Gramsci – Voraussetzung: Aufklärung der historischen Fehler – die lebendige kritische Wissenschaft, Ablehnung jeglicher Illusionsbildungen, Idealismen, Mystifikationen“ (Notizbücher 1971-1980, Bd. 2, 608). Das ist die einzige Stelle, an der der Ausdruck vorkommt. Er beschreibt nichts, was es ohne weiteres bereits gäbe, sondern formuliert einen Anspruch: Um Zukunft zu gewinnen, muss die Arbeiterbewegung die historischen Fehler, die sie gemacht hat, aufklären. Das gilt 30 Jahre nach dem Fall der Mauer noch immer. Aber inwiefern können da ausgerechnet Luxemburg und Gramsci hilfreich sein? Woran kann angeknüpft werden? Das ist die Leitfrage, der im Vortrag nachgegangen wird.

PDF zur Vorbereitung: Frigga Haug, „Linie Luxemburg-Gramsci“, in: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus, Bd. 8/I, Hamburg 2012, 1122-1152.

Peter Jehle: Dr. phil., wiss. Mitarbeiter des Instituts für kritische Theorie, Berlin; Mithg. des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus und der Zeitschrift Das Argument; Privatdozent an der Uni Potsdam.

Feministischer  Materialismus  –  Kapitalismuskritik  vom  Küchentisch

Workshop von Carolin Blauth am Donnerstag, 08.08.2019, 14.00 Uhr

Feminismus und Marxismus ist das nicht ein (Neben-)Widerspruch? Nö! In diesem Workshop wollen wir uns mit feministischen Adaptionen der Marxschen Theorietradition beschäftigen und herausarbeiten, welche blinden Flecken feministische Theoretikerinnen identifizieren und wie sie den Marxismus ergänzen. Dabei stehen vor allem folgende Fragen im Mittelpunkt: In welchem Zusammenhang steht die kapitalistische Produktionsweise mit der Unterdrückung von Frauen? Welche Rolle spielt reproduktive Arbeit – also Kochen, Kümmern, Kinderkriegen – im Kapitalismus bzw. in der Marxistischen Gesellschaftstheorie? Anhand von Textauszügen, wollen wir die Grundlinien des feministischen Materialismus nachvollziehen sowie darüber sprechen, welche aktuellen gesellschaftlichen Probleme aus dieser Perspektive hervorgehoben und welche alternativen Gesellschafts- und Lebensweisen präferiert werden.

Carolin hat in Chemnitz, Toulouse und Berlin Sozialwissenschaften studiert und beschäftigt sich vor allem mit Kritischer und feministischer Theorie sowie deren praktischer Umsetzung. Sie hat verschiedene Projekttutorien zu den Themen Widerstand und Selbstorganisation, materialistischer Feminismus sowie feministischer Ökologie an der HU und TU Berlin geleitet und schreibt gerade an ihrer Masterarbeit zu Frauen*streiks.

Der 15. Januar 1919 war ein Mittwoch

Ausstellung von Ute Richter während der ganzen Kantine, Künstleringespräch am Samstag, 10.08.2019, 16.00 Uhr

Zeitungsdruck, 32 Seiten, 2017
Die Zeitung enthält 9 Poster der Künstlerin Ute Richter, den Text „Vorkriegslogik oder Rosa Luxemburg trifft Stanisław Leśniewski“ von Dietmar Dath und als Handreichung den Text „Ein anderes Archiv“ von Britt Schlehahn.
Erschienen im Lubok Verlag, Leipzig

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Was haben gerasterte Pflanzenposter mit aktuellen Tendenzen national motivierter Gewalt zu tun? Diese Frage wird mit der Zeitung künstlerisch gestellt. Mit ihrem Titel „Der 15. Januar 1919 war ein Mittwoch“ will sie an eine alte Geschichte erinnern.

Die Pflanzenmotive für den Zeitungsdruck wurden dem Herbarium von Rosa Luxemburg entnommen. Sie wurde im Januar 1919 ermordet, damit „Deutschland so schnell wie möglich wieder zu Ruhe kommt“. Mit den von ihr gesammelten Pflanzen soll an den Terror von 1919 erinnert werden und damit auch an die Wurzeln aktueller rechtsnationaler Gewaltbereitschaft.

Das Herbarium der deutsch-polnischen Theoretikerin tauchte vor einigen Jahren in Warschau in einem blauen Schuhkarton wieder auf. 18 Hefte mit aufbewahrten Pflanzen und Pflanzenteilen, präpariert, eingeklebt und mit Kommentaren versehen. Die Eintragungen begann Luxemburg im Mai 1913. Im Oktober 1918, drei Monate vor ihrer Ermordung, enden die Notizen. Luxemburg wollte ursprünglich Botanikerin werden. Aus der Beschäftigung mit Pflanzen, mit den Strukturen der Natur, bezog sie immer wieder Kraft.

Bedeutet die Hingabe an Natur und Landschaft schon einen Rückzug oder gar den Verrat des gesellschaftlichen Auftrags? Ein Zitat von Heiner Müller markiert den Kontext der Arbeit und schlägt den Bogen von der Geschichte in die Gegenwart: „Der Terror von dem ich schreibe kommt aus | Deutschland“.

Ute Richter wurde 1964 in Dresden geboren, studierte an der Kunsthochschule Berlin Weißensee, der Hochschule für Bildende Künste Dresden und der Ecole Nationale Suprieure des Beaux-Arts, Paris. Sie lehrt an der TU Dresden im Fachbereich Architektur und lebt in Leipzig.

Foto: Ute Richter

Links des Möglichen

Dienstag, 06.08.2019, 14.00 Uhr – Vortrag mit Elfriede Müller

Links des Möglichen schätzte Walter Benjamin Rosa Luxemburg ein. Das Unmögliche war zu ihrer Zeit die Verhinderung und dann die Beendigung des Ersten Weltkrieges; eine sozialistische Revolution in Deutschland, die durch einen Massenstreik ausgelöst wird und sich von der Sowjetunion in ihrem Demokratieverständnis unterscheidet; die Überwindung einer Spaltung der Linken, die auch für sie persönlich fatale Folgen haben wird; sowie von der Arbeiterinnenbewegung selbst geschaffene Organisationen, die das Leben in die eigenen Hände nehmen und damit die Defensive der Linken in der SPD seit 1905 überwinden. Rosa Luxemburg wollte in finsteren Zeiten emanzipatorische Handlungsfähigkeit herstellen.
Die Agitatorin und Intellektuelle passt weder in das Schema des Marxismus-Leninismus noch in einen zivilgesellschaftlichen Diskurs, der sich am Liberalismus orientiert. Ihre politische Wirkung blieb begrenzt, doch gilt sie nach wie vor als eine der schillerndsten Figuren der Arbeiterinnenbewegung. Dies liegt sicher auch daran, dass sie als Sozialistin ein Leben führte, das nie im Widerspruch zu ihren Ideen stand, und sicher auch an ihrem tragischen Tod. Sie hat als Erste – durch ihre solidarische Kritik an der Russischen Revolution – die enge und notwendige Verbindung von Gleichheit und Demokratie deutlich gemacht. Politik war für sie „befreiende solidarische Praxis“ (Michael Brie). Rosa Luxemburg hat versucht, die Grenzen des Kapitalismus mit der Tendenz zur Überproduktion materialistisch zu erklären, ohne dabei einer Zusammenbruchstheorie zu folgen. Ganz im Gegenteil war für sie der Klassenkampf der Motor eines revolutionären Prozesses, der sich für sie nicht durch eine einfache Übernahme der politischen Macht entscheidet: ein langer und hartnäckiger Kampf für politische Hegemonie.
Ob uns Rosa Luxemburgs Wirken heute für eine linke Politik und Theorie inspiriert, will der Vortrag untersuchen.

Elfriede Müller ist seit ihrem 17. Lebensjahr politisch aktiv, zuerst in der Schüler*innen- und Frauenbewegung, dann in der GIM (Gruppe Internationale Marxisten, trotzkistisch). Mit 23 verschlug es sie nach Paris, um dort in Verlagen und Buchhandlungen zu arbeiten. Parallel war sie bei der LCR (Ligue Communiste Révolutionnaire) aktiv. Im Jahr 1987 ist sie zunächst zum Studieren nach Freibung/Br. (Geschichte und Literaturwissenschaften) gegangen und schloß sich dort den Autonomen Studierenden an. Seit 1993 lebt Elfriede Müller in Berlin, wo sie die jour fixe Initiative Berlin mitbegründete. Veröffentlichungen von ihr finden sich zu linker Ideengeschichte, kritischer Theorie und Roman noir. Zusätzlich ist sie seit 1994 Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum des BBK (Berufsverband bildender Künstler*innen) Berlin und in diesem Zusammenhang Mitorganisatorin für einen künstlerischen Wettbewerb zu Rosa Luxemburg, welcher am Rosa-Luxemburg-Platz realisiert wurde.

Frauen der Novemberrevolution / Kontinuitäten des Vergessens

Mittwoch, 07.08.2019, 18.30 Uhr – Lesung mit Dania Alasti

Frauen protestierten vor hundert Jahren in Massen gegen den Ersten Weltkrieg und das deutsche Kaiserreich. Ihre Streiks, Demonstrationen und Ausschreitungen gehörten zur ersten Welle der Novemberrevolution. Doch während der Formung und Kämpfe um die Richtung der Revolution tauchten Frauen als Massenerscheinung nicht mehr auf.

Das Buch ist eine Suche nach den Spuren, die von den revoltierenden Frauen geblieben sind. In ihren Proteste zeigten sich Konflikte, die in der spezifischen Rolle von Frauen als Versorgerinnen angelegt sind. Ein Unverständnis gegenüber den Konflikten erschwerte die Bildung politischer Organe, in denen diese Frauen ihre Wünsche in Programmen hätten artikulieren können. Stattdessen wurden sie von Zeitgenossen verdrängt und von der Geschichtsschreibung vergessen.

In Erinnerung geblieben ist die unverwechselbare Stimme Rosa Luxemburgs, die den Ersten Weltkrieg nicht nur vehement abgelehnt hatte, sondern ihn als Eskalation der Krise des Kapitals auch vorausgesehen hatte. Bereits die koloniale Gewalt in den afrikanischen Ländern sah sie in einem Zusammenhang zu der Krise der Akkumulation in den europäischen Ländern. Dabei argumentierte sie, dass die kapitalistische Produktionsweise neben der Mehrwertproduktion auf ein vermeintliches Außen angewiesen ist, dem Ressourcen und Arbeitskräfte genommen und Waren verkauft werden können.

Mit den Arbeiterinnen in Deutschland hatte Luxemburg wenig zu tun. Sehr viel später wurde ihre Theorie der fortwährenden Akkumulation aufgegriffen, um die Rolle der Versorgungsarbeit in kapitalistischen Gesellschaften zu analysieren. Diese Analyse sagt nicht nur etwas über die Proteste der Frauen während des Ersten Weltkrieges, sondern erklärt auch Kontinuitäten, Wiederholungen und Brüche bis in die heutige Zeit.

Dania Alasti: Doktorandin an der FU Berlin zum Thema „Gewalt und Frieden“, Autorin von »Der Wille zum Nein. Wie die deutsche Rechtsprechung Betroffenen sexueller Gewalt den selbstbestimmten Subjektstatus verweigert hat« in »Wege zum Nein. Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland 2016«.

Cover "Frauen der Novemberrevolution"

100 Jahre November – 100 Jahre Konterrevolution

Montag, 05.08.2019, 18.30 Uhr – Lesung und Vortrag mit Klaus Gietinger

„Ich fürchte den Augenblick, da die Masse, die Straße, unter dem Einfluss der Unabhängigen die Durchführung unsren Parteiprogramms von uns verlangt und eine Republik fordert.“ Denn „Deutschland ist nicht reif für eine Republik“ (Friedrich Ebert am 31. Oktober 1918).

Mit Parteiprogramm war das Erfurter Programm der SPD von 1891 gemeint, dass das gleiche und direkte Wahlrecht forderte, die Gleichstellung der Frau, den Achtstundentag und Religionsfreiheit. Hatte Ebert davor Angst? Am meisten Unbehagen dürfte ihm der Teil des Programms bereitet haben, der die demokratische Volkswehr und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, also die Sozialisierung forderte. Das Deutsche Reich hatte den Weltkrieg verloren. Der I. Weltkrieg hatte nicht nur Millionen Opfer gefordert und Abermillionen körperlich und seelisch verkrüppelt, er hatte auch die Partei gespalten. Ebert und Freunde hatten die Kriegsgegner aus Fraktion und Partei geworfen und jene hatten 1917 eine eigene geründet, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei: USPD.

Und vor den Rausgeworfenen fürchtete sich Ebert, denn er und seine Genossen im Parteivorstand, meist kleinbürgerlicher Herkunft, hatten sich diesem wilhelminischen Staat angepasst, waren Arbeiterbürokraten geworden, gut versorgt von ihrer Partei und seit dem August 1914 um-schmeichelt von der kaiserlichen Regierung, die ohne die SPD diesen Krieg nie hätte führen können. Ebert fürchtete um seine Karriere. Nur nicht die Macht der Straße zum Zuge kommen lassen, war Eberts Devise. Und deswegen verbündete er sich mit dem preußischen Kriegsminister und noch wichtiger der OHL, die noch ihre Truppen tief in Frankreich stehen hatte. General Groener, der Chef der OHL, rief Ebert in der Reichskanzlei an und versprach ihm, die Truppen nach dem Waffenstillstand (11. November) heimzuführen und dann mit dem „Räteunwesen“ aufzuräumen, wenn sich Ebert mit ihm verbünde. Ebert sagte zu.

Noch heute leugnen der SPD nahestehende Historiker diesen Pakt gegen die Räte. Während Konservative ihn immer wieder positiv hervorheben. In verschiedenen Putschen und durch die Rückführung der Frontruppen – „Kein Feind hat euch überwunden“ (Ebert) versuchte die OHL (in geheimen Einvernehmen mit Ebert) die Räte zu entwaffnen und eine Militärdiktatur zu errichten. Im Januar 1919 kam es zu Massenprotesten: Hundertausende gingen auf die Straße, Zeitungsredaktionen, darunter der „Vorwärts“, wurden besetzt und Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck erklärten – gegen den Protest der Führer der Revolutionären Obleute – die Ebert-Regierung für abgesetzt. Der fälschlich als Spartakus-Aufstand bezeichnete Kampf um die Macht entbrannte.

Hauptmann Waldemar Pabst, der Anführer des größten Freikorps, ließ die Gefangenen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, von seinen Offizieren ermorden. Luxemburgs Leiche wurde in den Landwehrkanal geworfen. Pabst, der nie für seine Tat belangt wurde, war in den 40er Jahren als Waffenhändler in der Schweiz, von wo aus er Nazi-Deutschland mit Tötungsmaschinen versorgte. Zurückgekehrt in die BRD, gab er seinen Offiziersfreunden 1969 „unter uns“ bekannt, dass Noske damals seinen Mordbefehl abgenickt hätte. Wenn ihm der Papierkragen platze, mache er das publik, sehr zum Schaden der SPD. Die stellte im gleichen Jahr ihren ersten Bundeskanzler: Willy Brandt.

Noch heute ignoriert die Historische Kommission der SPD dieses Abnicken. Es wird behauptet, Pabst lüge. Konservative Historiker, die Pabst noch kannten, halten ihn für absolut glaubwürdig. Pabst hatte zudem im März 1919, als es zu einem zweiten Generalstreik und durch Agent Provokateure zu einem zweiten Aufstand kam, Noske einen Befehl untergeschoben: „Jede Person, die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“ Noske unterschrieb. Dieser rechtswidrige Befehl führte in wenigen Tagen zu 1200 Opfern Berlin und in ganz Deutschland zu 4-5000 Toten.

Noch ist es nicht zu spät. 100 Jahre Revolution mahnen.

Klaus Gietinger (* 28. Februar 1955 in Lindenberg im Allgäu) ist ein deutscher Buchautor, Drehbuchautor, Filmregisseur und Sozialwissenschaftler.

Klaus Gietinger
Foto: Matthias Becker