Links des Möglichen

Dienstag, 06.08.2019, 14.00 Uhr – Vortrag mit Elfriede Müller

Links des Möglichen schätzte Walter Benjamin Rosa Luxemburg ein. Das Unmögliche war zu ihrer Zeit die Verhinderung und dann die Beendigung des Ersten Weltkrieges; eine sozialistische Revolution in Deutschland, die durch einen Massenstreik ausgelöst wird und sich von der Sowjetunion in ihrem Demokratieverständnis unterscheidet; die Überwindung einer Spaltung der Linken, die auch für sie persönlich fatale Folgen haben wird; sowie von der Arbeiterinnenbewegung selbst geschaffene Organisationen, die das Leben in die eigenen Hände nehmen und damit die Defensive der Linken in der SPD seit 1905 überwinden. Rosa Luxemburg wollte in finsteren Zeiten emanzipatorische Handlungsfähigkeit herstellen.
Die Agitatorin und Intellektuelle passt weder in das Schema des Marxismus-Leninismus noch in einen zivilgesellschaftlichen Diskurs, der sich am Liberalismus orientiert. Ihre politische Wirkung blieb begrenzt, doch gilt sie nach wie vor als eine der schillerndsten Figuren der Arbeiterinnenbewegung. Dies liegt sicher auch daran, dass sie als Sozialistin ein Leben führte, das nie im Widerspruch zu ihren Ideen stand, und sicher auch an ihrem tragischen Tod. Sie hat als Erste – durch ihre solidarische Kritik an der Russischen Revolution – die enge und notwendige Verbindung von Gleichheit und Demokratie deutlich gemacht. Politik war für sie „befreiende solidarische Praxis“ (Michael Brie). Rosa Luxemburg hat versucht, die Grenzen des Kapitalismus mit der Tendenz zur Überproduktion materialistisch zu erklären, ohne dabei einer Zusammenbruchstheorie zu folgen. Ganz im Gegenteil war für sie der Klassenkampf der Motor eines revolutionären Prozesses, der sich für sie nicht durch eine einfache Übernahme der politischen Macht entscheidet: ein langer und hartnäckiger Kampf für politische Hegemonie.
Ob uns Rosa Luxemburgs Wirken heute für eine linke Politik und Theorie inspiriert, will der Vortrag untersuchen.

Elfriede Müller ist seit ihrem 17. Lebensjahr politisch aktiv, zuerst in der Schüler*innen- und Frauenbewegung, dann in der GIM (Gruppe Internationale Marxisten, trotzkistisch). Mit 23 verschlug es sie nach Paris, um dort in Verlagen und Buchhandlungen zu arbeiten. Parallel war sie bei der LCR (Ligue Communiste Révolutionnaire) aktiv. Im Jahr 1987 ist sie zunächst zum Studieren nach Freibung/Br. (Geschichte und Literaturwissenschaften) gegangen und schloß sich dort den Autonomen Studierenden an. Seit 1993 lebt Elfriede Müller in Berlin, wo sie die jour fixe Initiative Berlin mitbegründete. Veröffentlichungen von ihr finden sich zu linker Ideengeschichte, kritischer Theorie und Roman noir. Zusätzlich ist sie seit 1994 Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum des BBK (Berufsverband bildender Künstler*innen) Berlin und in diesem Zusammenhang Mitorganisatorin für einen künstlerischen Wettbewerb zu Rosa Luxemburg, welcher am Rosa-Luxemburg-Platz realisiert wurde.

Frauen der Novemberrevolution / Kontinuitäten des Vergessens

Mittwoch, 07.08.2019, 18.30 Uhr – Lesung mit Dania Alasti

Frauen protestierten vor hundert Jahren in Massen gegen den Ersten Weltkrieg und das deutsche Kaiserreich. Ihre Streiks, Demonstrationen und Ausschreitungen gehörten zur ersten Welle der Novemberrevolution. Doch während der Formung und Kämpfe um die Richtung der Revolution tauchten Frauen als Massenerscheinung nicht mehr auf.

Das Buch ist eine Suche nach den Spuren, die von den revoltierenden Frauen geblieben sind. In ihren Proteste zeigten sich Konflikte, die in der spezifischen Rolle von Frauen als Versorgerinnen angelegt sind. Ein Unverständnis gegenüber den Konflikten erschwerte die Bildung politischer Organe, in denen diese Frauen ihre Wünsche in Programmen hätten artikulieren können. Stattdessen wurden sie von Zeitgenossen verdrängt und von der Geschichtsschreibung vergessen.

In Erinnerung geblieben ist die unverwechselbare Stimme Rosa Luxemburgs, die den Ersten Weltkrieg nicht nur vehement abgelehnt hatte, sondern ihn als Eskalation der Krise des Kapitals auch vorausgesehen hatte. Bereits die koloniale Gewalt in den afrikanischen Ländern sah sie in einem Zusammenhang zu der Krise der Akkumulation in den europäischen Ländern. Dabei argumentierte sie, dass die kapitalistische Produktionsweise neben der Mehrwertproduktion auf ein vermeintliches Außen angewiesen ist, dem Ressourcen und Arbeitskräfte genommen und Waren verkauft werden können.

Mit den Arbeiterinnen in Deutschland hatte Luxemburg wenig zu tun. Sehr viel später wurde ihre Theorie der fortwährenden Akkumulation aufgegriffen, um die Rolle der Versorgungsarbeit in kapitalistischen Gesellschaften zu analysieren. Diese Analyse sagt nicht nur etwas über die Proteste der Frauen während des Ersten Weltkrieges, sondern erklärt auch Kontinuitäten, Wiederholungen und Brüche bis in die heutige Zeit.

Dania Alasti: Doktorandin an der FU Berlin zum Thema „Gewalt und Frieden“, Autorin von »Der Wille zum Nein. Wie die deutsche Rechtsprechung Betroffenen sexueller Gewalt den selbstbestimmten Subjektstatus verweigert hat« in »Wege zum Nein. Beiträge für eine radikale Debatte nach der Sexualstrafrechtsreform in Deutschland 2016«.

Cover "Frauen der Novemberrevolution"

100 Jahre November – 100 Jahre Konterrevolution

Montag, 05.08.2019, 18.30 Uhr – Lesung und Vortrag mit Klaus Gietinger

„Ich fürchte den Augenblick, da die Masse, die Straße, unter dem Einfluss der Unabhängigen die Durchführung unsren Parteiprogramms von uns verlangt und eine Republik fordert.“ Denn „Deutschland ist nicht reif für eine Republik“ (Friedrich Ebert am 31. Oktober 1918).

Mit Parteiprogramm war das Erfurter Programm der SPD von 1891 gemeint, dass das gleiche und direkte Wahlrecht forderte, die Gleichstellung der Frau, den Achtstundentag und Religionsfreiheit. Hatte Ebert davor Angst? Am meisten Unbehagen dürfte ihm der Teil des Programms bereitet haben, der die demokratische Volkswehr und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, also die Sozialisierung forderte. Das Deutsche Reich hatte den Weltkrieg verloren. Der I. Weltkrieg hatte nicht nur Millionen Opfer gefordert und Abermillionen körperlich und seelisch verkrüppelt, er hatte auch die Partei gespalten. Ebert und Freunde hatten die Kriegsgegner aus Fraktion und Partei geworfen und jene hatten 1917 eine eigene geründet, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei: USPD.

Und vor den Rausgeworfenen fürchtete sich Ebert, denn er und seine Genossen im Parteivorstand, meist kleinbürgerlicher Herkunft, hatten sich diesem wilhelminischen Staat angepasst, waren Arbeiterbürokraten geworden, gut versorgt von ihrer Partei und seit dem August 1914 um-schmeichelt von der kaiserlichen Regierung, die ohne die SPD diesen Krieg nie hätte führen können. Ebert fürchtete um seine Karriere. Nur nicht die Macht der Straße zum Zuge kommen lassen, war Eberts Devise. Und deswegen verbündete er sich mit dem preußischen Kriegsminister und noch wichtiger der OHL, die noch ihre Truppen tief in Frankreich stehen hatte. General Groener, der Chef der OHL, rief Ebert in der Reichskanzlei an und versprach ihm, die Truppen nach dem Waffenstillstand (11. November) heimzuführen und dann mit dem „Räteunwesen“ aufzuräumen, wenn sich Ebert mit ihm verbünde. Ebert sagte zu.

Noch heute leugnen der SPD nahestehende Historiker diesen Pakt gegen die Räte. Während Konservative ihn immer wieder positiv hervorheben. In verschiedenen Putschen und durch die Rückführung der Frontruppen – „Kein Feind hat euch überwunden“ (Ebert) versuchte die OHL (in geheimen Einvernehmen mit Ebert) die Räte zu entwaffnen und eine Militärdiktatur zu errichten. Im Januar 1919 kam es zu Massenprotesten: Hundertausende gingen auf die Straße, Zeitungsredaktionen, darunter der „Vorwärts“, wurden besetzt und Karl Liebknecht und Wilhelm Pieck erklärten – gegen den Protest der Führer der Revolutionären Obleute – die Ebert-Regierung für abgesetzt. Der fälschlich als Spartakus-Aufstand bezeichnete Kampf um die Macht entbrannte.

Hauptmann Waldemar Pabst, der Anführer des größten Freikorps, ließ die Gefangenen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, von seinen Offizieren ermorden. Luxemburgs Leiche wurde in den Landwehrkanal geworfen. Pabst, der nie für seine Tat belangt wurde, war in den 40er Jahren als Waffenhändler in der Schweiz, von wo aus er Nazi-Deutschland mit Tötungsmaschinen versorgte. Zurückgekehrt in die BRD, gab er seinen Offiziersfreunden 1969 „unter uns“ bekannt, dass Noske damals seinen Mordbefehl abgenickt hätte. Wenn ihm der Papierkragen platze, mache er das publik, sehr zum Schaden der SPD. Die stellte im gleichen Jahr ihren ersten Bundeskanzler: Willy Brandt.

Noch heute ignoriert die Historische Kommission der SPD dieses Abnicken. Es wird behauptet, Pabst lüge. Konservative Historiker, die Pabst noch kannten, halten ihn für absolut glaubwürdig. Pabst hatte zudem im März 1919, als es zu einem zweiten Generalstreik und durch Agent Provokateure zu einem zweiten Aufstand kam, Noske einen Befehl untergeschoben: „Jede Person, die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“ Noske unterschrieb. Dieser rechtswidrige Befehl führte in wenigen Tagen zu 1200 Opfern Berlin und in ganz Deutschland zu 4-5000 Toten.

Noch ist es nicht zu spät. 100 Jahre Revolution mahnen.

Klaus Gietinger (* 28. Februar 1955 in Lindenberg im Allgäu) ist ein deutscher Buchautor, Drehbuchautor, Filmregisseur und Sozialwissenschaftler.

Klaus Gietinger
Foto: Matthias Becker

„Die Gespräche beginnen schon mit einem Missverständnis“

Freitag, 09.08.2019, 18.30 Uhr – Szenische Lesung geschrieben von Kaśka Bryla und Carolin Krahl, vorgetragen von Carolin Krahl

Ein Briefwechsel zur Frage: Was ist links? unter Zuhilfenahme von Emma Goldman und Rosa Luxemburg

Was hat uns politisiert? Auf was berufen wir uns, wenn wir „links“ sagen? Die beiden Autorinnen fragen sich und einander nach den Ursprüngen und der Gegenwart ihrer politischen Überzeugungen und Strategien. Dabei beziehen sie sich auf zwei Frauen, deren Schreiben und Arbeiten für sie wichtig war und bleibt: zwei Frauen, die voneinander wussten, einander jedoch vermutlich nie begegnet sind, und von denen die Autorinnen ein ganzes Jahrhundert trennt. Mit Emma Goldman und Rosa Luxemburg verständigen sich Kaśka Bryla und Carolin Krahl über Anarchismus und Sozialismus, und sie streiten: über und um das, was davon heute (gültig) bleibt, was verschüttet wurde durch die vermeintlich irreversible historische „Niederlage“ der revolutionären Linken.

Halb Lesung, halb Audio, von Werkstattcharakter. Der Text ist nicht abgeschlossen (wie könnte er?).

Kaśka Bryla und Carolin Krahl sind beide Autorinnen und Redakteurinnen von PS: Anmerkungen zum Literaturbetrieb / Politisch Schreiben. Gemeinsam bilden sie ein Lektoratskollektiv.

Rosa Luxemburgs Krisen- und Zusammenbruchstheorie

Vortrag und Diskussion mit Markus Winterfeld am Freitag, 09.08.2019, 14.00 Uhr

Rosa Luxemburgs Krisen- und Zusammenbruchstheorie war sowohl theoretische wie politische Intervention. Die Theoretiker der Sozialdemokratie hatten die von Marx im Kapital Band II aufgestellten Reproduktionsschemata als Beweis genommen, dass die kapitalistische Gesellschaft nie mehr produzieren könne als sie zu konsumieren in der Lage ist. Eine allgemeine Überproduktion wäre daher unmöglich, Krisen entstünden nur aufgrund mangelnder gesellschaftlicher Planung, würden aber mit zunehmender Zentralisierung des Kapitals verschwinden. Produziert der Kapitalismus aber nicht in steigendem Maße Krisen und Verelendung, so entfällt jeder Zwang, ihn abzuschaffen. Es ist daher keinesfalls zufällig, dass alle Versuche, sich im Kapitalismus einzurichten, zuallererst die marxistische Krisentheorie beseitigen müssen, wie Rosa Luxemburg in ihrem ökonomischen Hauptwerk, „Die Akkumulation des Kapitals“, 1913 schrieb:

„Es ist klar, daß, wenn man die schrankenlose Akkumulation des Kapitals annimmt, man auch die schrankenlose Lebensfähigkeit des Kapitals bewiesen hat. … Ist die kapitalistische Produktionsweise imstande, schrankenlos die Steigerung der Produktivkräfte, den ökonomischen Fortschritt zu sichern, dann ist sie unüberwindlich. Der wichtigste objektive Pfeiler der wissenschaftlichen sozialistischen Theorie bricht dann zusammen, die politische Aktion des Sozialismus, der Ideengehalt des proletarischen Klassenkampfes hört auf, ein Reflex ökonomischer Vorgänge, der Sozialismus hört auf, eine historische Notwendigkeit zu sein.“

Der Vortrag stellt Rosa Luxemburgs Krisen- und Zusammenbruchstheorie dar und geht auf die Gegenargumente späterer Marxisten, insbesondere Henryk Grossmanns, ein. Der Vortrag zeigt, dass zwar Rosa Luxemburgs Lösungsversuch der Krisenfrage widerlegt wurde, nichtsdestotrotz ihre Einwände gegen die frühen ökonomischen Darstellungen des Krisenproblems auch auf ihre späteren marxistischen Kritiker zutreffen. Rosa Luxemburgs theoretische Leistung ist daher mitnichten überholt. Der Vortrag schließt mit einigen Thesen, wie im Anschluss an Rosa Luxemburg von der Krisen- auf die Werttheorie zurückgegangen werden muss, um eine theoretische Erklärung der kapitalistischen Krisen zu geben.

Lesung mit Ernst Piper

Dienstag, 06.08.2019, 18.30 Uhr – »Rosa Luxemburg. Ein Leben«

Rosa Luxemburg, 1871 im russischen Teil Polens geboren, gehörte vielen Minderheiten an. Sie kam aus einem jüdischen Elternhaus, perfektionierte erst während ihres Studiums in Zürich die deutsche Sprache, fand mithilfe einer Scheinehe in Deutschland ihre politische Heimat, war auf SPD-Parteitagen die einzige Frau mit einem Doktortitel und engagierte sich als rastlose Kämpferin für die europäische Arbeiterbewegung in nicht weniger als sieben verschiedenen sozialistischen Parteien.Luxemburg war die bedeutendste marxistische Denkerin ihrer Zeit. Sie kämpfte für die Diktatur des Proletariats, aber zugleich gegen den autoritären Zentralismus Lenins, weshalb sie auch die Gründung der Kommunistischen Internationale ablehnte. Ihre Revolutionstheorie, ihr Freiheitsbegriff und ihr unbedingter Internationalismus ließen sie zur Ikone des weltweiten Protests der 1968er-Bewegung werden. Ihr berühmter Satz «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden» wurde eine Parole der Bürgerrechtler in der untergehenden DDR. In ihrer Gedanken- und Ideenwelt ist vieles zu finden, was auch heute, in einer Zeit des wieder erwachenden Nationalismus, anregend und wichtig ist.

Ernst Piper, 1952 in München geboren, lebt heute in Berlin. Er ist apl. Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam und hat zahlreiche Bücher zur Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts publiziert, zuletzt Nacht über Europa. Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs (2013) und Rosa Luxemburg. Ein Leben (2018).