Rosa Luxemburgs Spontaneitätstheorie als „lebendiges Denken”

Thesen von Marie Lippert am Donnerstag, 08.08.2019, 16.00 Uhr

Die Frage nach einer politischen Theorie Rosa Luxemburgs, insbesondere ihrer sog. Spontaneitätstheorie, stellt sich zunächst auf einer etwas prekären Grundlage: rein theoretische Abhandlungen über die Spontaneität der Masse, das Verhältnis von Masseninitiative und Parteiorganisation oder über den Fortgang der Revolution sind in ihrem Werk schwer zu finden. Vielmehr ist es an der Leserin, Elemente einer solchen Theorie anhand Rosa Luxemburgs Analysen und Betrachtungen ihrer eigenen konkreten historischen Situation herauszuarbeiten. Dass dies den Modus ihres Schreibens bestimmt, korrespondiert bezeichnenderweise mit ihrer Parteilichkeit gegen jede Form idealistischer Theorie, die, am Reißbrett entworfen, nichts von ihren eigenen historischen Bedingungen weiß:

„Die stillschweigende Voraussetzung der Diktaturtheorie im Lenin-Trotzkischen Sinn ist, daß die sozialistische Umwälzung eine Sache sei, für die ein fertiges Rezept in der Tasche der Revolutionspartei liege, dies dann nur mit Energie verwirklicht zu werden brauche. Dem ist leider – oder je nachdem: zum Glück – nicht so.“ 


Das liest sich somit nicht nur als Kommentar zu Lenins Parteitheorie sondern auch als Metakommentar ihres eigenen Arbeitens, welches – nicht mit einem Rezept für die sozialistische Umwälzung aufwartend – stets den gegenwärtigen historischen Entwicklungen verschrieben bleibt und in Form eines Korrektivs – letztlich doch wohlwollend gegenüber den Vorstellungen Lenins, weniger wohlwollend gegenüber denen Kautskys und Bernsteins – auftritt. Aus dieser zentralen Rolle der Gegenwart für das Denken Rosa Luxemburgs speist sich das, was häufig als die Lebendigkeit ihres Denkens Betonung findet: den Gehalt von Theorien und politischen Strategien immer wieder an der realen Situation und – auch so ist diese Lebendigkeit ihres Denkens rezipiert worden – an Bewusstsein und Bedürfnissen der Einzelnen, zu prüfen. In einer kleinen Überblicksdarstellung sollen einige Denk-Bilder aus den metaphorisch sehr reichen Texten Rosa Luxemburgs herausgegriffen und gemeinsam besprochen werden, die diese Lesart ihres Denkens als ‚lebendiges Denken‘ unterstützen können.

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